Seit mehreren Wochen wird nun über einen möglichen Abgang von Bayerns Star-Trainer Pep Guardiola nach dessen Vertrag spekuliert. Bleibt er über 2016 hinaus? Zieht es ihn 2016 woandershin? Falls ja, wohin? Meiner Meinung nach ist die Diskussion um einen mögliche Vertragsverlängerung des Katalanen ohnehin verfrüht. Über die Notwendigkeit einer hypothetischen Verlängerung lässt sich – da sind wir uns alle einig – nicht streiten. Guardiola ist für den FC Bayern München jetzt schon einer der besten Trainer der Vereinshistorie und auch weltweit zählt er derzeit zu den Top-3 seiner Zunft. Folglich wäre das beste Szenario, dass er seinen Vertrag um weitere Jahre verlängert. Ein anderes Szenario wäre hingegen, Pep erfüllt den Vertrag, zieht weiter und der deutsche  Rekordmeister müsste sich im Sommer 2016 um einen Nachfolger bemühen. Ein paar dieser sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Der Promi

Vor wenigen Wochen ließ Carlo Ancelotti durchsickern, dass er einem Arrangement beim FC Bayern nicht abgeneigt gegenüberstehe. Der 55-Jährige ist sicher kein so großartiger Taktiker wie Guardiola oder Klopp, kein so charismatischer Typ wie Mourinho oder Simeone. Carlo Ancelotti ist vielmehr ein eher pragmatischer Coach, der viel Wert auf Disziplin legt. Durch seine Erfolge in der Vergangenheit u.a. bei AC Mailand, PSG und zuletzt Real Madrid strahlt er viel Autorität aus. Ancelottis Mannschaften zeichneten sich stets durch Disziplin in der Defensive und Durchschlagskraft in der Offensive aus; besonders sein Real Madrid der letzten Saison zeigte vor allem in der Champions League ansprechende Leistungen. Der Italiener versteht es hervorragend, die individuellen Stärken der einzelnen Spieler passend einzubinden und die Gegner somit auf seine ganz eigene Art und Weise zu dominieren. Großartige taktische Gegneranpassungen wie bei Pep Guardiola oder extreme Spielrythmusveränderung wie bei Diego Simeone sucht man beim Italiener hingegen vergebens. Er ist Pragmatiker durch und durch, versucht keine taktischen Kunststücke. All diese Aspekte würden ihn durchaus für den FC Bayern empfehlen; das spielerische Grundgerüst wurde bereits unter Louis van Gaal aufgebaut, unter Jupp Heynckes weiterentwickelt und durch Guardiola (nahezu) perfektioniert. Ein eher moderierender Coach mit einer Ausstrahlung wie der Ancelottis, der die Individualisten hervorhebt und trotzdem auf mannschaftliche Geschlossenheit achtet, wäre folglich ein durchaus passender Trainertyp. Er würde das spielerische Konzept beibehalten und es mit seinen eigenen Vorstellungen garnieren – kein so schlechter Ansatz.

Der Verrückte

Marcelo Bielsa sorgt derzeit mit Olympique Marseille für Spektakel in der französischen Ligue 1: mit 54 Punkten liegt das Team 4 Punkte hinter Spitzenreiter Olympique Lyon und darf sich berechtigte Hoffnungen auf den internationalen Wettbewerb in der nächsten Spielzeit machen. Der 59-Jährige trainierte in der Vergangenheit unter anderem die Chilenische Nationalmannschaft und Athletic Bilbao und zeichnete sich bei seinen Stationen stets durch eine hohe Akribie und Detailverliebtheit aus. Angeblich soll Marcelo Bielsa bei Espanyol Barcelona einmal 27(!) verschiedene Einwurfarten trainiert haben lassen. Guardiola selbst gab einmal zu, dass er sich von Marcelo Bielsas Trainingsmethodik inspirieren lasse. Die Mannschaften des Argentiniers zeichneten sich stets durch ein aggressives Spiel mit und ohne Ball aus: vor allem Chile stürmte bei der WM 2010 über die Plätze und war schon bei dieser Weltmeisterschaft ein Hingucker. Chile spielte unter „El Loco“ enorm pressingfokussiert, jagte die Gegner reihenweise über das Spielfeld und verbuchte in hohen Zonen bereits viele Ballgewinne. Den eigenen Ballbesitz versuchte man konstruktiv zu nutzen, indem aus der letzten Linie ruhig aufgebaut wurde und der Ball anschließend mit viel Druck über die Flügel Richtung Tor gespielt werden sollte. Nicht selten versuchte das Team mit weiten Pässen Raum zu überbrücken, um anschließend den Ball mit überfallartigem Gegenpressing zurückzuerobern.

„Attacking football is the simplest way to victory and success“ – Marcelo Bielsa

Sein derzeitiges Marseille verfolgt eine ähnliche Marschroute: Olympique spielt enorm Flügelorientiert, 74% der Angriffe wurden diese Saison über die Flügel vorgetragen. 12 Tore nach Standardsituationen symbolisieren ebenfalls einen Fokus Bielsas auf ruhende Bälle. Ebenfalls auffällig ist, dass Bielsas Mannschaften enorm variabel agieren, sowohl mit, als auch ohne Ball. In dieser Saison spielte Marseille häufig in einem 3-3-3-1/3-4-3 oder je nach gegnerischer Sturmbesetzung in einem 4-3-3. Bielsa zieht es ebenso wie Guradiola vor, einen Innenverteidiger mehr zu haben als der Gegner Angreifer – gegen Zweisturmformationen lässt er folglich gern mit Dreierkette spielen, usw.. Marcelo Bielsa wäre insofern der passende Kandidat für den FC Bayern, als dass er eine ähnliche, positive, Besessenheit wie Guardiola aufweist, über das taktische Knowhow verfügt und beide eine sehr ähnliche Ansicht vom Spiel besitzen. Die Mannschaft könnte folglich einen vergleichbaren Fußball weiterspielen lassen und würde weiterhin extrem anpassungsfähig an die Gegner bleiben – dies ist sicherlich Bielsas größter Vorteil gegenüber Carlo Ancelotti.

Der Hipster

Der Name Paco Jémez ist sicher nur Kennern ein Begriff. Der 44-Jährige ist seit mittlerweile 3 Jahren an Board des spanischen Erstligisten Rayo Vallecano und brachte den Underdog aus Madrid Jahr für Jahr auf einen soliden Mittelfeldplatz. Pacos Spielweise lässt sich mit zwei Begriffen am besten beschreiben: Ballbesitz und Pressing. Seine Teams, vor allem Rayo Vallecano, lässt er im eigenen Ballbesitz sehr mutig spielen, gegen den Ball ebenfalls. Seine Intension ist, dass die Mannschaft dominant auftritt, egal, wie der Gegner heißt. Unvergessen ist sicher die Partie gegen den FC Barcelona im September 2013, als man Barcelona den Ballbesitz streitig machen konnte – als erstes Team seit fünf Jahren! Rayo Vallecano ist keineswegs mit Stars bestückt; jede Saison muss man Spieler ausleihen bzw. freie Spieler holen, weil der Etat von sieben Millionen Euro nicht mehr hergibt. Trotzdem gelang es Paco Jémez immer wieder, durch eine herausragende Trainingsarbeit eine mutige, innovative Spielweise zu adaptieren. Carlo Ancelotti bat einst um ein Besuch bei einem seiner Trainingseinheiten.

    „Der Stürmer muss der erste Verteidiger und der Torhüter muss der erste Angreifer sein“ –  Paco Jémez

Dabei verfolgt der Spanier den Ansatz des Positionsspiels. Bei diesem Konzept wird der Ballbesitz als ein strategisches Mittel verwendet, um Überladungen in gefährlichen Zonen zu erzeugen, passende Staffelungen fürs Gegenpressing vorzubereiten, Dreiecke zu bilden und eine generelle freie Positionierung der einzelnen Akteure zu anvisieren. Pep Guardiola sagte einmal, dass neben dem FC Barcelona und Bayern München nur Rayo ein erfolgreiches Positionsspiel betreiben würde. Folglich wäre Paco Jémez als Nachfolger Guardiolas durchaus geeignet, da sich beide in ihrer Spielphilosophie stark ähneln und sich die Spieler dadurch wenig umstellen müssten. Paco Jémez ist ebenso wie Guardiola ein Trainer, der seine Herangehensweise bedingungslos verteidigt; bei Rayo Vallecano gab und gibt es nicht selten Kritik an seiner Spielweise, hagelt es doch gerade gegen die großen Teams wie Barcelona, Real oder Atlético viele Gegentore. Dieser lässt sich jedoch keineswegs von seinem Plan abbringen und verfolgt, ähnlich wie Marcelo Bielsa seine Marschroute. Paco wird sicher nicht die erste Wahl für den Trainerposten sein, aber wenn selbst Jürgen Klinsmann Bayer-Coach werden konnte…

Und sonst so?

Sicher gibt es neben den aufgeführten Kandidaten noch unzählige weitere. Die Namen Tuchel, Favre, Klopp, Simeone, Mourinho, etc. sind sicher noch zu nennen, wobei ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass einer von ihnen in das Profil des Bayern-Trainers passen würde – abgesehen von Tuchel, der mit großer Wahrscheinlichkeit bei RB Leipzig anheuern wird. Ich bin mir ebenso unsicher, ob es überhaupt einer von den genannten wird, vielmehr sollen sie bloß meine Favoriten auf eine mögliche Nachfolge darstellen. Wesentlich vereinfachen würde die ganze Angelegenheit eine Verlängerung Guardiolas. Aber es sind immerhin noch knapp eineinhalb Jahre, ehe der Vertrag ausläuft.

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