Die Krise des englischen Fußballs scheint nun auch bei den Medien, Experten und der breiten Masse allgegenwärtig zu sein. Stellte die Premier League zwischen 2006 und 2009 jeweils drei der vier Champions League Halbfinalisten, so ist diese Dominanz in den letzten drei Jahren deutlich zurückgegangen. Daran konnten auch die exorbitant hohen Transferausgaben des letzten Sommers nichts ändern.

Cashflow

Im Februar schloss die Premier League einen neuen TV-Vertrag mit „British Sky Broadcasting“ und „British Telecommunications“ ab. Dieser wird ab 2016 über drei Jahre laufen und würde der Liga insgesamt knapp 7 Milliarden Euro einbringen. Sieben. Milliarden. Euro. Die Bundesliga erhofft sich im selben Zeitraum vergleichsweise mickrige Einnahmen von 2,51 Milliarden Euro. Diese Diskrepanz hängt mit der Vermarktung innerhalb des Landes zusammen. Während wir in Deutschland im Free-TV Spieltags-Zusammenfassungen wie „Sportschau“ oder das „Aktuelle Sportstudio“ am Abend sehen können, beanspruchen in England ausschließlich die Pay-TV-Sender die Berichterstattung. Dies erklärt auch, weshalb in England knapp 19 Millionen Abos verkauft wurden – fast das Fünffache der Abonnenten in Deutschland. Will man in hierzulande ähnlich hohe Werte generieren, müsste ebenfalls ein zweiter Pay-TV-Sender mitmischen, der sich mit „Sky Deutschland“ um die TV-Rechte duelliert, dieser Konkurrent fehlt jedoch.  In der letzten Transferperiode gaben die Clubs von der Insel sogar über eine Milliarde Euro für neue Spieler aus. Das sportliche Endresultat dieser Millionendeals ist auf internationalem Parkett und taktischem Niveau miserabel und dennoch gilt die Premier League bei vielen Experten immer noch als die beste Liga der Welt.

„Bayern oder Barcelona würden in England mit 15 Punkten Vorsprung Meister.“ – Paul Scholes

Doch ist es überhaupt möglich, eine Liga als die Beste zu titulieren? Meiner Ansicht nach sollte man die Ligen untereinander wesentlich differenzierter nach einzelnen Bereichen betrachten. Die Bundesliga ist in den Bereichen Pressing, defensiver Umschaltmoment und generelle Spielintensität in Europa am stärksten, wohingegen in Spanien die Offensivstrukturen und das eigene Ballbesitzspiel äußerst dominant sind. In der italienischen Serie A wird der Fokus eher auf die Defensive gelegt, man spielt bei eigenem Ballbesitz weniger riskant, steht dafür in der Verteidigung enorm stabil. Frankreich versucht derweil ähnlich wie die Niederlande den Weg über das Kollektiv zu gehen. Und England? Was internationale Vermarktung, Image und die damit verbundene Fülle an Stars angeht, sind die Insulaner zweifelsohne führend; in taktischer Sicht aber hinken sie seit Jahren hinterher.

Englischer Pragmatismus

Ein Grund für diesen Rückstand ist der mittlerweile veraltete Spielstil auf der Insel. Taktisch-strategische Mittel wie Raumverknappung, geplante Strukturen im Spielaufbau oder Gegenpressing sucht man hier vergebens. Besonders letzteres hat sich in den letzten fünf Jahren zu einem Schlüsselelement des modernen Fußballs entwickelt. Das Gegenpressing bzw. Konterpressing bezeichnet im Allgemeinen das sofortige Attackieren des Gegners nach Ballverlust. Borussia Dortmund und der FC Barcelona feierten damit in der Vergangenheit große Erfolge, indem sie teilweise bewusst Ballverluste hinnahmen, um dann anschließend in Tornähe Konter zu verhindern und dann blitzartig zu zuschlagen. Gerade international wirken Premier-League-Clubs überrascht, wenn sie nach einem Ballgewinn plötzlich Druck von allen Seiten bekommen. Auch das generelle Spiel gegen den Ball wird bei den Engländern nur dürftig ausgeführt, weshalb kompakte Mannschaftsteile, die harmonisch über das Feld laufen, eine Rarität auf der Insel sind.

„Gegenpressing ist der beste Spielmacher der Welt.“ – Jürgen Klopp

Das Individuum in Fußball-England steht somit im Vordergrund, was ebenfalls eine sehr veraltete Sichtweise darstellt, geht es im modernen Fußball immer mehr darum, sich kompakt als Schwarm über den Platz zu bewegen. Weiterhin agieren viele Mannschaften aus der Premier League bei eigenem Ballbesitz enorm ideenlos. Weite, unnötige Schläge im Spielaufbau prägen den Spielaufbau, ebenso wie plumpe Angriffe über die Flügel mit anschließender Flanke. Klammert man José Mourinhos FC Chelsea, Ronald Koemans FC Southampton und das einstige Swansea City unter Michael Laudrup mal aus, so ist die Spielanlage aller Teams in gewisser Weise ähnlich angelegt: wenig konstruktiver Spielaufbau, Flankenfokus und geringe Kompaktheit, auf der Basis einer 4-4-2 Formation. Blickt man in die Bundesliga, hat man mit der Ballbesitzmannschaft aus München, Jürgen Klopps pressing- und konterstarken Dortmundern und der „Pressingmaschine“ aus Leverkusen viele andere Vereine mit eigener taktischer Identität: Borussia Mönchengladbach mit ihrem seinem Direktpassspiel, den VfL Wolfsburg, der sich über ein mannorientiertes Pressing und starkes Konterspiel definiert oder Marcus Gisdols lauf- und zweikampfintensive Hoffenheimer. In Spanien sind neben den beiden Madrider Clubs und dem FC Barcelona sicherlich der FC Villareal, Paco Jémez‘ Rayo Vallecano und die im Pressing sehr flexiblen FC Sevilla und FC Valencia am interessantesten. In Frankreich sind dagegen Marcelo Bielsas Olympique Marseille, die defensiv herausragend organisierten Monegassen, das Starensemble aus Paris sowie der ballbesitzorientierte Spitzenreiter aus Lyon zu erwähnen.

Stillstand ist Rückstand

In Deutschland hatte man um die Jahrtausendwende eine ähnliche Problematik wie derzeit in England: veraltete Denkweisen, eine schlechte Jugendausbildung und Ignoranz gegenüber neuen Spielweisen. Am einfachsten scheint es, weiterhin mit den Geldscheinen zu wedeln und neben Top-Spielern künftig auch einige Star-Trainer zu holen (Guardiola, Klopp, Simeone & Co.), die den Umbruch einläuten und den Rest der Liga mitziehen. Doch der gewiefte Analytiker stellt fest: so einfach geht das nicht. Zum einen, weil es vermessen wäre zu glauben, das Geld alleine ausreicht, damit jeder von ihnen per Fingerschnippen auf die Insel gehen wird. Zum anderen, weil es gerade in einigen Führungsetagen der Clubs Verantwortliche gibt, die sich durch neue Denkweisen angegriffen fühlen – Andre Villas Boas kann ein Lied davon singen. Ein erster Schritt wäre, sich in der Jugendarbeit an modernen Trainingstechniken und zeitgenössischen Spielphilosophien zu orientieren. Weiterhin wäre es ratsam, an einem Coach, der eben solche modernen Methoden einführt, auch bei Misserfolgen treu zu bleiben. Doch kann sich die Liga bei diesem knallharten Konkurrenzkampf um TV-Einnahmen und Reputation überhaupt eine solche Schwäche leisten? Die kommenden Jahre werden es zeigen. Die Problematik zeigt, dass Geld im Fußball doch nicht immer Tore schießt. Ein Fazit, dass sich vor allem Fußball-Deutschland in der aktuellen Neiddiskussion um höhere TV-Einnahmen zu Herzen nehmen sollte. Der englische Fußballfan kann indes nur hoffen, dass der internationale Rückstand, auch von seiner Nationalelf, aufgeholt wird. Vielleicht kauft er aber auch einfach noch ein Sky-Abo.

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