Sie gelten als die letzte Bastion einer jeden Mannschaft. Mit heroischen Flugeinlagen oder leichtsinnigen Fehlern können sie Spiele entscheiden. Ihre Aufgabe? Tore verhindern. Ihre Hilfsmittel? Ein Paar Handschuhe. Kaum eine Position ist im Fußball so individuell geprägt, wie die des Torhüters. Dennoch kamen sie in der Vergangenheit meist nur durch ihre Fehler zu Ruhm, im Fokus standen stets die Ballzauberer und Offensivakteure. Doch allerspätestens seit der Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer und der anschließenden Top-Platzierung Manuel Neuers bei der Weltfußballerwahl genießt das Spiel der „letzten Männer“ auch in der breiten Masse eine neue Wertschätzung.

Ein Blick zurück

Manuel Neuer gilt gemeinhin als Erfinder des modernen Torwartspiels. Mit der Spielweise eines Liberos bewegt er sich sehr weiträumig aus dem Sechszehner heraus und hält seinen Vorderleuten den Rücken frei. Mit teilweise technischen Kabinettstückchen agiert er als erster Aufbauspieler seiner Mannschaft. Doch bereits weit vor Manuel Neuer gab es Goalies, die mit einem ähnlichen Spielstil für Aufsehen sorgten. In den 60er Jahren sah die Bundesliga ihren vielleicht offensivsten Torwart mit Petar Radenkovic, der nicht selten mit dem Ball am Fuß Ausflüge zur Mittellinie unternahm. Sein kolumbianischer Kollege René Higuita ist der vielleicht lässigste „Torhüter“ der Fußballgeschichte. Mit Dribblings teilweise bis hin zum gegnerischen Strafraum und spektakulären Flugeinlagen bildete er in den 80ern und 90ern das Äquivalent zu den meisten anderen Torhütern seiner Generation. Auch die jüngere Vergangenheit brachte mit Jens Lehmann, Edwin van der Sar oder Gianluigi Buffon hervorragende Fußballer hervor, die zwar bei weitem nicht so verrückt waren, wie der Südamerikaner, sich aber dennoch konstruktiv am eigenen Spielaufbau beteiligten. Sie bildeten jedoch Ausnahmen und wurden daher häufiger für ihre Beteiligung am Spielaufbau kritisiert: man sah es schlichtweg nicht als ihre Aufgabe an. Bis um die Jahrtausendwende waren daher die „Linientiger“ auf Fußballplätzen weit verbreitet: Torhüter, die sich maximal sechszehn Meter vor dem Tor aufhielten und sich wenig bis gar nicht am eigenen Spielaufbau beteiligten. Ihre Ballverteilung beschränkte sich auf weite Pässe nach vorn und auch sonst waren ihre technischen Fähigkeiten arg limitiert.

Der Wandel

Vorangetragen von Jens Lehmann und Gianluigi Buffon wurde diese Spielweise jedoch seit der Weltmeisterschaft 2006 immer mehr durch die des „mitspielenden“ Torhüters ersetzt. Indem man bereits in der Jugendausbildung darauf achtete, den Goalies einen liberoartigen Spielstil einzubläuen, ließ man sie immer mehr zu einem aktiven Spieler der Mannschaft werden. Bei eigenem Ballbesitz agiert die neue Generation nun umsichtiger, verteilt ruhiger die Bälle und fängt weite Pässe des Gegners ab. Quasi wie an einem Gummiband gezogen, versuchen sie, den Abstand zu ihren Verteidigern möglichst knapp zu halten. Dadurch wurde das Spiel sicherlich spektakulärer, was auch dazu führte, dass für die Keeper mehr Geld auf dem Transfermarkt ausgegeben wird. Der Italiener Gianluigi Buffon wurde schon 2001 für 52,88 Millionen Euro an Juventus Turin transferiert und auch Manuel Neuer wechselte 2011 für stattliche 27,50 Millionen Euro nach München. Ein sich fortsetzender Trend. Folglich wurde dieser Position durch eine aktivere Beteiligung am Spielgeschehen und die damit höheren Ausgaben für Torhüter, nun auch medial mehr Beachtung geschenkt. Die „Torspieler“ der heutigen Generation um Marc-André ter Stegen, Ron-Robert Zieler oder David de Gea sind allesamt fußballerisch hervorragend ausgebildet und besitzen eine sehr gute Passtechnik. Allen voran ter Stegen, der wie kaum ein zweiter solch saubere, effiziente und präzise lange Pässe spielt.

Mittlerweile setzt sich das moderne Torwartspiel zu knapp 70% aus offensiven Aktionen, also die Ballverteilung von hinten heraus, zusammen, wodurch diese fußballerischen Fähigkeiten bei Torhütern immer mehr gesucht werden. Diese Tendenz sorgt jedoch auch für eine Änderung der öffentlichen Erwartungshaltung. Neben der eigentlichen Torverhinderung sollen die Torhüter nun bestmöglich noch als Ballverteiler fungieren. Genau hierin liegt die Problematik: die jetzige ältere Generation um Weidenfeller oder Casillas, bringt nicht ausreichend fußballerische Qualität mit, hält aber auf der Linie überragend. Die jüngere Generation hat zwar mehr mitspielende Goalies, ist auf der Linie dafür nicht so konstant. Eine herausragende Kombination aus beiden Typen, mitspielender Libero und Reaktionstorhüter, ist selten zu finden.

In Zukunft muss genauer differenziert werden. Es wäre falsch, Torhüter vor allem fußballerisch zu schulen. Ihr hauptsächliches Handwerk ist und bleibt das Spiel auf der Linie. Ohne diese Basis sind zusätzliche Fähigkeiten in Passtechnik und Spielaufbau nutzlos. Die Einbindung des Torhüters ins Aufbauspiel wird künftig sicherlich wichtiger, bemüht sich fast jedes Team heutzutage um einen konstruktiven Spielaufbau. Trotz allem, die Weiterentwicklung des Torwartspiels ist auf diesem Gebiet ein absolut logischer Schritt. Seine gesteigerte Wichtigkeit zeigt sich in den höheren Ablösen sowie in den Trends der Torhüterrotation und des Zweittorwarts. Vielleicht verringert sich so auch die kritische Beurteilung der Torwartposition angesichts der Verantwortung und der Komplexität. Das wäre die entsprechende Wertschätzung, die sie schon längst verdienen.

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