Vor genau zwei Jahren, am Abend des 09.04.2013, erlebte der märchenhafte Aufstieg Borussia Dortmunds einen seiner emotionalsten Höhepunkte – 3:2 gegen Malaga, eine Nachspielzeit für die Ewigkeit. In den folgenden Wochen sollte eine weitere Gala im Heimspiel gegen Real Madrid folgen: jedoch getrübt durch das Bekanntwerden des Wechsels von Mario Götze zum FC Bayern. Jene Mannschaft, an der man letztlich im CL-Endspiel scheiterte. Seitdem flachte die steile Entwicklung des BVB langsam, aber stetig ab, Anfang des Jahres 2015 fand man sich sogar am Tabellenende der Bundesliga wieder. Im Folgenden wird umfangreich auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zurückgeblickt – was hat sich verändert? Wo liegen die Ursachen? Im ersten Teil steht dabei die taktische Analyse im Vordergrund. Der zweite Teil geht auf die Personalpolitik der letzten Jahre und notwendige Veränderungen im Sommer ein.

Taktik der Meisterjahre

Nach der Weltmeisterschaft 2010 befand sich die deutsche Liga in einer Findungsphase, in der die Dortmunder mit ihrer Spielweise den Spielstil der gesamten Bundesliga revolutionierten. Mit ihrem Konter- und Pressingspiel trafen die Borussen genau den Nerv der Zeit und wurden zum Vorbild für zahlreiche deutsche Mannschaften.

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Stammpersonal 2010/11

Im ersten Meisterjahr 2010/11 überraschten sie alle mit ihrem temporeichen Konterfußball. Wichtige Rollen hatten dabei Shinji Kagawa und Mario Götze inne: beide fungierten als Verbindungsspieler im Zentrum und trugen Konterangriffe durch das Zentrum nach vorn. Durch Götzes eingerückte Rolle als Rechtsaußen konnte er zusammen mit dem Japaner das Zentrum überladen, Engen auflösen und Kombinationen ankurbeln. Den Spielaufbau gestaltete Nuri Sahin zunächst sehr dominant fast im Alleingang, ehe Mats Hummels ab der Rückrunde zum Undercover-Spielmacher avancierte. Mit seinen sehr weiträumigen Pässen verteilte er ebenso wie Sahin die Bälle entweder auf die Flügel oder einen zurückfallenden Offensiven. Begünstigt wurde dieser Spielaufbau durch die Außenverteidiger, die ihre Gegenspieler extrem weit nach hinten schoben, um Platz für die Ballverteiler zu schaffen. Der vielleicht markanteste Aspekt des Dortmunder Spiels lässt sich jedoch mit einem Wort beschreiben: Kollektivität. Sowohl mit, als auch ohne Ball agierte der BVB enorm geschlossen. Im 4-4-1-1/4-4-2 – Pressing verschob man sehr aggressiv und kollektiv zum Ball, stellte dort Räume zu und versuchte im Mittelfeld Ballgewinne zu generieren. Besonders Kagawas herausragende Fähigkeiten im Spiel gegen den Ball stachen hervor, der mit seiner Wendigkeit und Laufarbeit sehr viel Raum geschickt abdecken konnte. Ein weiteres Werkzeug der Dortmunder war das Gegenpressing. Vor allem gegen tiefstehende Gegner provozierten sie teilweise bewusst Ballverluste, um dann blitzartig zuzuschlagen. Dabei half zum einen die Zentrumspräsenz von Kagawa, Götze, Großkreutz und Bender, die sich meist in Ballnähe befanden. Zum anderen die Antizipationsfähigkeiten von Hummels, Subotic und natürlich Schmelzer, die sich stets absichernd hinter dem Mittelfeld bewegten, um Konter abzufangen und so für Stabilität sorgten.

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Stammpersonal 2011/2012

Im Sommer 2011 versuchte man den Abgang von Nuri Sahin kollektiv zu lösen, indem einzelne Spieler nun noch mehr Verantwortung im eigenen Ballbesitz übernehmen mussten. Durch Sahins dominante Rolle war man gewissermaßen ausrechenbar, weshalb sein Abgang einen spielerischen Neuanfang darstellte. Die Rolle als Spielmacher übernahm fortan Verteidiger Mats Hummels, der mit teils spektakulären Pässen bis heute das moderne Innenverteidigerspiel prägt. Mit Ilkay Gündogan verpflichtete man einen Sahin-Ersatz, der sich auf eher kleinräumigere Aktionen spezialisierte und demnach Anpassungszeit benötigte. Im Ballbesitz schob er bereits früh nach vorn und überließ Hummels oder Bender den Spielaufbau. Zunächst wollte Jürgen Klopp mit diesem Material ein dominantes Ballbesitzspiel adaptieren, das anfangs an mangelnder Kreativität im Mittelfeld und einer gewissen Ungeduld in der Ballzirkulation Schwächen zeigte. Die Konterabsicherung des Vorjahres war ebenso inkonstant, da Bender bzw. Kehl teils überaggressiv aus der Formation herausrückten und Räume boten. War das Gegenpressing dann einmal umspielt, kam es schnell zu gefährlichen Situationen. Dies führte national zu einem holprigen Saisonstart. International mangelte es der Borussia an Erfahrung, wodurch man in manchen Situationen nicht abgeklärt genug war: vorn unsauber im Passspiel, dazu hinten sehr fehleranfällig. Ab Mitte der Hinrunde kam dann die Kehrtwende: nun spielten die Borussen geduldiger in der Ballzirkulation, beschränkten sich in tieferen Zonen auf einen sicheren Ballbesitz und gingen in Tornähe hohes Risiko. Durch diesen Stabilitätsfokus wurde die mangelnde Kreativität kaschiert. Außerdem strukturierte man das Umschalten klarer und das Pressing wurde im 4-4-2 anpassungsfähiger. Auch Neuzugang Gündogan schlug als Spielgestalter neben Kehl/Bender endlich ein. Er unterstützte den Spielaufbau tiefer, indem er sich seitlich zwischen Innen- und Außenverteidiger fallen ließ und von dieser Position aus das Spiel diagonal ankurbelte. Mit dieser Spielweise blieb der BVB bis zum Ende der Saison ungeschlagen und gewann sogar das Pokalfinale mit einem furiosen 5:2 gegen die Bayern.

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Stammpersonal 2012/13

Damit waren die Borussen in der Saison 2012/13 endgültig nicht mehr der Underdog. Sie etablierten sich psychologisch und spielerisch als Spitzenteam, mussten sich deshalb aber auch umstellen. Das aus den Vorjahren bekannte 4-2-3-1 wurde ohne Kagawa im Pressing nicht mehr so aggressiv ausgelegt. Trotz eines hervorragenden Kollektivs waren die gruppentaktischen Abläufe nicht mehr so sauber wie im Vorjahr. Marco Reus konnte die Rolle als Zehner hinter Lewandowski zunächst nicht adäquat ersetzen, weshalb Mario Götze diese Aufgabe übernahm. An die defensive Arbeitsrate eines Kagawas kam aber auch er nicht heran. Offensiv fokussierte das Team die individuelle Klasse von Götze, Reus und Lewandowski, vor allem Reus überragte mit seiner Durchschlagskraft von der linken Seite. Das Aufbauspiel wurde vom immer stärker werdenden Gündogan angekurbelt, den immer wieder Kehl oder Bender als Zuarbeiter unterstützten. International passten die Gegner wunderbar zum Konterfokus der Dortmunder: Ajax Amsterdam versuchte sich trotz individueller Unterlegenheit an einem ambitionierten Ballbesitzspiel und wurde eiskalt ausgekontert. Gegen Real Madrid und Manchester City ging man als Außenseiter in die Partien und konnte ebenfalls Konter fahren. Hinzu kamen Schlüsselmomente wie das Malaga-Spiel, in dem die jungen Spieler sich vor allem psychologisch entwickelten. So rückte man trotz eher durchwachsener Defensivleistungen mit berauschenden Fußball-Abenden bis ins Finale vor. Die Durchschlagskraft des überragenden Offensivtrios Reus, Götze und Lewandowski prägte ebenso wie das nochmals verbesserte Gegenpressing diese Saison.

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Stammpersonal 2013/14

Was sich bereits im Vorjahr andeutete, wurde in der Spielzeit 2013/14 weiter fortgesetzt: das Spiel gegen den Ball wurde im Sommer verfeinert und das Konterspiel extremer fokussiert. Dazu verpflichtete man den sehr athletischen Pierre-Emerick Aubameyang, der auf den Außenbahnen für Tempo sorgen sollte. Weiterhin sollte Henrikh Mkhitaryan die Rolle von Mario Götze übernehmen. Der allerdings wesentlich kombinationsorientiertere Armenier hatte die gesamte Spielzeit über Probleme mit Robert Lewandowski. Der Pole war wesentlich mehr auf Dribblings und Durchbruchversuche bedacht, was nicht zum Spielstil Mkhitaryans passte. Dennoch waren die Borussen zu Beginn der Saison enorm stark. Besonders auffällig war das Pressing, als man den Gegnern kaum Raum gewährte und sich sehr kompakt über das Feld bewegte. Die Angriffe wurden häufig über die rechte Seite gestartet, wo man mit Großkreutz, Aubameyang, Mkhitaryan und Reus den rechten Flügel überlud und von dort aus Richtung Tor zog. Generell erinnerte diese Spielweise an die Double-Saison. Auch hier waren sämtliche Angriffe sehr gut abgesichert gewesen, weshalb man im Gegenpressing viele Ballgewinne verbuchen konnte. Mit der Verletzung Gündogans gab es allerdings einen Bruch im Spielaufbau, der nun wesentlich limitierter wurde. Die Sechser um Bender, Kehl und ab der Rückrunde Rückkehrer Sahin hatten zusehends Probleme mit der Raumkontrolle und bewegten sich weniger harmonisch, was die Ballzirkulation erschwerte. Offensiv gab es ebenfalls kaum kollektive Bewegungen und Kombinationen durch das lahmende Zusammenspiel zwischen Lewandowski und Mkhitaryan. Weiterhin ließ man sich zu häufig auf die Flügel drängen und kam folglich selten in torgefährliche Räume. Diese Probleme zogen sich durch den Rest der Saison. Mit einem zweiten Platz in Liga und Pokal sowie einem knappen Champions-League-Ausscheiden wähnte man sich dennoch sehr erfolgreich.

Die aktuelle Saison

In der aktuellen Saison sollte nun zum Großangriff auf den FC Bayern ausgeholt werden. Jedoch verlief die Hinrunde für Borussia Dortmund desaströs. Sowohl spielerisch, als auch ergebnismäßig konnte man zu kaum einem Zeitpunkt den eigenen Ansprüchen gerecht werden. Nach dem Abgang Lewandowskis konnte die Lücke im Sturmzentrum weder durch Ciro Immobile, noch Adrian Ramos geschlossen werden. Der Italiener forderte in vielen Spielen die Bälle unpassend aggressiv und konnte sie gegen tiefstehende Abwehrreihen nicht sauber verwerten. Vielmehr ist er ein Strafraum-Stürmer, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger wenige Chancen selbst kreiert. Adrian Ramos ist zwar lauffreudig und technisch versiert, jedoch fehlt es ihm deutlich an Durchschlagskraft und Kreativität. Auch Rückkehrer Shinji Kagawa lief lange seiner Form hinterher, weshalb man gegen tiefstehende Gegner keine konstruktiven Ansätze fand. Durch das langersehnte Comeback Ilkay Gündogans verbesserte man zwar die Ballzirkulation in der ersten Linie, war aber spätestens im letzten Drittel zu ideenlos. Marco Reus‘ Verletzungen taten ihr Übriges. Besonders problematisch wurde es bei Rückständen: lagen die Borussen einmal hinten, gerieten sie in einen Strudel der Hektik. In der Hinrunde drehte man nur ein Spiel nach einem Rückstand, was am gestiegenen Anspruch der Dortmunder lag: agierten sie früher nach Rückständen noch ruhig und selbstsicher, handelte man in dieser Saison häufig nach der panischen Devise „wir sind Borussia Dortmund, wir müssen gewinnen!“. Durch diese für alle Beteiligte lange surreale Situation, geriet man in einen heiklen Abwärtstrend. Denn international war man weiter erfolgreich und drückte sein Konterspiel durch. Arsenal, Istanbul und Anderlecht dominierte man v.a. in den Heimspielen mit den altgewohnten Waffen. Der Abstiegskampf in der Liga war für den bislang so erfolgreichen Klub ungewohnt. Anstatt sich auf ein konstruktives Ballbesitzspiel zu konzentrieren, wirkte man mental überfordert, bolzte zahlreiche Bälle nach vorn und flankte unsinnigerweise in den unbesetzten Strafraum. Nach der Winterpause lief es erst seit dem 20. Spieltag besser. Enorm wichtig war dabei das Pendel aus Sahin und Gündogan, die zunehmend harmonierten und die Spielkultur ansatzweise zurückbrachten. Mittlerweile findet man sich im gesicherten Mittelfeld der Tabelle wieder. Nach dem deutlichen Ausscheiden aus der Champions League gegen Juventus Turin gilt es, mit aller Macht den Saison-Endspurt zu fokussieren. Das Erreichen der Europa League-Qualifikation ist essenziell wichtig, um einen erfolgreichen Umbruch im Sommer einzuleiten.

Lest dazu den zweiten Teil der BVB-Analyse „Quo vadis, Dortmund?“ hier auf Pressingfieber!

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