Die sportliche Talfahrt der Dortmunder Borussia ist vielen ein Rätsel. Mit einem derart hochkarätigen und auch teuren Kader dürfe gerade eine Hinrunde wie im zweiten Halbjahr 2014 nicht passieren. In unserem ersten Teil „Steiler Aufstieg, tiefer Fall“ haben wir bereits Probleme in taktischen und strukturellen Bereichen ausgemacht. Dem offensiven Mittelfeld fehlt häufig an der Kreativität, vor allem gegen tiefstehende Gegner. Dabei misslingt meist die Anbindung an die Sturmspitze, es mangelt an Kombinationen und Durchschlagskraft. Das zentrale Mittelfeld lässt strukturell die gewohnte Ordnung der letzten Jahre vermissen. Mit den zu aggressiv herausrückenden Außenverteidigern läuft so das Gegenpressing öfter ins Leere und die defensive Kompaktheit geht verloren. Hinzu kommen noch individuelle Patzer. Auf der Suche nach Erklärungen gilt es nun, personell sowohl Kollektiv als auch einzelne Spieler zu analysieren.

Problempunkt 1: Verletzungspech
Dass Mannschaften immer wieder auf Leistungsträger verzichten müssen, ist nicht neu. Doch Dortmund hatte in den letzten Jahren durchgehend Sorgen und Nöte, Spieler aufgrund von Verletzungen ersetzen zu müssen. Seien es monatelange Ausfälle von Gündogan, Subotic und Kuba oder sich stetig wiederholende wochenlange Fehlzeiten von Reus, Hummels, Sahin, Bender, Kehl oder Sokratis – es lassen sich noch andere Spieler beliebig hinzufügen. Einbußen in Kreativität auf der einen Seite, sowie in defensiver Stabilität auf der anderen Seite waren das Resultat. Gerade in dieser Saison machte sich dies bemerkbar. Jedoch weniger im Fehlen der Leistungsträger, sondern vielmehr darin, dass die verbliebenen Spieler im Gegensatz zu den Vorjahren nicht in der Lage waren, die Ausfälle zu kompensieren – wodurch wir zum nächsten Punkt kommen.

Problem Nummer 2: Formschwäche und Überspieltheit
Meist sprangen beim BVB andere Spieler in die Bresche, wenn wieder einmal Personalnot bestand. Sei es der variable Großkreutz, Oliver Kirch, Milos Jojic oder Nachwuchsspieler wie Erik Durm, die die etablierten Stammspieler ergänzten. Besonders in der Rückrunde der vergangenen Saison kamen die Genannten zu viel Spielzeit, teilweise in wochenlanger Doppelbelastung mit Champions League und DFB-Pokal. Die Leistungen stimmten dabei überwiegend, jedoch fehlte es an Entlastung. Wenn es um die Auswahl einer Startelf ging, bestimmte diese sich selten nach Trainingsleistungen, sondern mehr danach, welche elf Spieler überhaupt fit sind. Dazu kommt noch die Weltmeisterschaft, durch welche für einige die Regenerationszeit nach der Saison noch kürzer wurde. Dies machte sich nun bemerkbar. Die Leistungen der Ergänzungsspieler liegen nicht mehr auf dem konstant hohen Niveau, teilweise plagen sie sich auch mit Verletzungen herum. Auch die Langzeitverletzten brauchten eine gewisse Zeit, bis sie wieder zur Topform gefunden haben. Zur Prävention dieser dünn besetzten Personaldecke versuchte man im Sommer, dem Kader mehr Breite zu geben. Doch auch auf dem Transfermarkt wurden Fehler gemacht.

Problempunkt 3: Personalpolitik
Schon nach den beiden Meisterjahren musste man unfreiwillig Abgänge verzeichnen. Nuri Sahin (zu Real Madrid) und Shinji Kagawa (zu Manchester United) wurden durch Gündogan (aus Nürnberg) und Reus (Gladbach) ersetzt. Junge Talente, die etwas Zeit brauchten und sich auf höchstem Niveau erst noch beweisen mussten. Mit dem Erreichen des Champions League Finals 2013 gelang das eindrucksvoll. Jedoch verlor man erneut einen jungen Topspieler der Zukunft in Mario Götze an die Bayern, was zu einem Umdenken bei Neuverpflichtungen führte. Durch das Abwerben seiner größten Juwele, verbunden mit den gestiegenen nationalen und internationalen Erwartungen, wich der BVB von seinem Talentkurs ab und verpflichtete für mehr Geld schon etwas erfahrenere, aber noch formbare Spieler. Aubameyang, Sokratis und Rekordtransfer Mkhitaryan kosteten 2013 insgesamt knapp 50 Millionen Euro. Die Talente Leitner und Bittencourt wurden (vorerst) abgegeben, im Winter kehrte Sahin nach Dortmund zurück. Nach einer guten Saison 2013/14, wenn auch titellos, wollte man zum Großangriff ausholen. Zu ersetzen hierbei Robert Lewandowski: Adrian Ramos (28) und Ciro Immobile (24) kosteten 30 Millionen Euro – Stand heute ein doppeltes Missverständnis. Hinzu kamen Kagawa und Jung-Weltmeister Ginter, weitere knapp 20 Mio Euro.
Diese Änderung der Transferstrategie war damals aus Dortmunder Sicht sicherlich nachvollziehbar. Jedoch zahlte sie sich nicht gänzlich aus. Sokratis und Aubameyang schlugen zwar ein, Mkhitaryan aber schaffte trotz größter Veranlagung nie den Durchbruch und scheiterte bislang an den hohen Erwartungen. Im Nachhinein umso ärgerlicher, dass die anderen Kandidaten Kevin de Bruyne und Christian Eriksen, die etwa zehn Millionen weniger gekostet hätten, nun für ihre Klubs derart auftrumpfen. Ersterer erhielt damals von Chelsea-Coach Mourinho keine Freigabe, dem anderen traute man die Rolle offenbar nicht zu. Wohl weil er zu jung und unerfahren war, dafür aber die nötige Unbekümmertheit hätte, die Mkhitaryan merklich fehlt. Durch diese Entscheidung gewann man zwar an Konterstärke, jedoch verlor man deutlich an Kreativität – was sich Gegner gerade in dieser Saison zunutze machen.
Kommen wir zu den Nachfolgern von Robert Lewandowski. Immobile kam zwar als Nachfolger Lewandowskis, sollte diesen von der Spielweise aber keineswegs beerben. Die Dortmunder Verantwortlichen mussten sich im Klaren darüber gewesen sein, einen anderen Spielertyp geholt zu haben, der Anlaufzeit brauchen würde. Durch die sportliche Misere und öffentlichen Druck wurde ihm diese nicht zugestanden, was ein äußerst unglücklicher Fakt ist. Zudem war die Vorbereitungszeit nach der WM zu kurz, um sich schon im Vorfeld ordentlich einzuspielen oder sich zumindest an die Spielweise zu gewöhnen. Die Bezeichnung als Fehleinkauf ist daher unverdient, auch wenn der Spielertyp Immobile sicherlich nicht in das bisherige System passt, das auf Lewandowski zugeschnitten war. Andere Stürmer gab es im Sommer kaum – Lukaku, Morata und Diego Costa waren nicht finanzierbar, Mario Mandzukic wäre wohl kaum innerhalb der Bundesliga gewechselt und mittelfristig auch nicht die ideale Lösung. Unverständlicher erscheint da der Transfer von Adrian Ramos. Einen 28-jährigen, der nach mehreren Jahren in der 1. und 2. Bundesliga eine gute Saison spielte und auch in der Nationalmannschaft nie groß auffiel, für 10 Millionen Euro zu verpflichten? Ein junges Talent mit den spielerischen Anlagen im Stile eines modernen Stürmers, das behutsam aufgebaut werden kann, hätte man wohl auch für weniger Geld verpflichten können. Der lange bekannte Lewandowski-Abgang brachte eigentlich genug Zeit, ein solches Juwel zu finden.
Generell fällt in dieser Spielzeit auf, dass durch die neue Personalpolitik den Dortmundern die Unbekümmertheit und Frische abgeht. Man scheiterte oft an der eigenen Erwartungshaltung und rutschte so in den Keller ab. Eine Erwartung, die auch durch die teuren Spieler selbst verschuldet ist. Das Misstrauen in die eigenen Nachwuchsleute zeigt sich auch in der Verpflichtung des damals schon vereinslosen Manuel Friedrich aufgrund einer Notlage in der Innenverteidigung. Der damals 34-jährige erhielt dabei den Vorzug vor den eigenen Talenten Marian Sarr und Koray Günter, mit recht mäßigem Abschneiden. Mittlerweile scheint es so, dass man dem eigenen Nachwuchs in Zukunft wieder mehr Chancen und Verantwortung geben will.
Noch sehr wichtig werden können die Personalien Sahin, Kagawa und Ginter. Die ersten beiden finden nach ihrem misslungenen Auslandsabenteuer langsam wieder zu Form und Selbstvertrauen und können in den nächsten Jahren mit ihrer Erfahrung wichtige Stützen werden. Youngster Ginter braucht nach dem unglücklichen Start, als er zu schnell durch die dünne Personaldecke Verantwortung übernehmen musste, noch Zeit, kann sich aber gut entwickeln.

Weg in die Zukunft
Letztlich führten vielerlei kleine Faktoren in einer langen Fehlerkette zu dieser großen Krise. Nicht alle davon kann man meiner Ansicht nach den Verantwortlichen vorwerfen. Dass auf diesen steilen Aufstieg der Dortmunder irgendwann ein Tief folgen würde, sollte jedem bewusst sein. Beide Richtungen hat der BVB sehr rasant eingeschlagen. Entscheidend ist die Art und Weise, wie die Verantwortlichen darauf reagieren. Es wird eine Reaktion kommen. Watzke, Zorc und Klopp sollten detailliert die Fehlerkette analysieren und ihre Ergebnisse konsequent umsetzen. Eine bereits angekündigte Kaderveränderung ist sinnvoll, Mkhitaryan, Ramos und Immobile sind Kandidaten, wobei letzterer noch am ehesten eine Chance verdient hätte (falls man sich das leisten will, sollte es doch schief gehen). Auch eine Systemanpassung sollte überdacht werden, um wieder kreativer, stabiler und unberechenbarer zu werden. Ansonsten steht der BVB notfalls auch ohne Saison mit internationalem Wettbewerb gut da. Der Verein ist nahezu schuldenfrei und hat seit kurzem drei strategische Partner im Rücken, die ein breites finanzielles Fundament ermöglichen. Mit der Verlängerung von Marco Reus und eventuell auch bald Gündogan kann man erstmals Leistungsträger im Ruhrpott halten. Man hat einige erfahrene Spieler, die voran gehen können und selbst erst noch ins beste Fußballalter kommen. Dieses Grundgerüst gilt es mit hungrigen Nachwuchsleuten wie Dudziak oder Hofmann zu ergänzen und einigen aufstrebenden externen Zugängen zu erweitern. Die Dortmunder Verantwortlichen sind die fähigen Leute, um dies umzusetzen. Mit einem kleinen Schritt zurück kann wieder ein großer Sprung nach vorne gelingen, denn auch andere Mannschaften wie Bayern oder Wolfsburg werden irgendwann schwächeln – dann gilt es, bereit zu sein. Die Erfolgsstory Borussia Dortmund ist noch längst nicht am Ende.

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