Wer heute morgen in Erwartung eines ganz normalen Tages aufgestanden ist, wurde im Laufe der Stunden eines Besseren belehrt. Selbst die, die sich nicht für Fußball interessierten, merkten schnell, dass der 15. April 2015 ein spezieller, besonderer, „historischer“ Tag werden würde.

Tatort 1: Hamburg. DER Chaos-Verein Deutschlands, sportlich am Boden liegend und mittlerweile auch tabellarisch am Ende. In den vergangenen Tagen sprachen viele über den Bundesliga-Dino und hingen in Gedanken schon die seit über 50 Jahren tickende Stadion-Uhr ab. Einzige Hoffnung wäre da nur noch ein (erneuter) Trainerwechsel. Magath empfahl sich selbst, Tuchel zierte sich und wollte scheinbar seinen Jahresurlaub voll machen und den HSV erst ab Sommer trainieren. Der Vertrag war ja praktisch schon unterschrieben, zumindest kannte die Öffentlichkeit schon Gehalt, Dauer und Kompetenzen. So staunten viele nicht schlecht: Bruno Labbadia, der schöne Bruno, letzter halbwegs erfolgreicher Trainer der Hanseaten, in Hamburg lebend und den Verein angeblich liebend, wurde als neuer Übungsleiter vorgestellt. Ausgestattet mit einem Vertrag über 15 Monate (!), die Akte Tuchel damit geschlossen. Ex-Sportdirektor und Jetzt-doch-nicht-mehr-Interimscoach Peter Knäbel kehrt in seine alte Position zurück, damit gelingt es dem Hamburger Sportverein zum zweiten Mal in Folge (!!!) vier Übungsleiter in einer Saison beschäftigt zu haben – sowas nennt sich Serie. Einigen (HSV-Fans) brachte dieser Schritt wieder etwas Optimismus, den meisten verschaffte er zumindest ein lautes Gelächter. Die Zeitungen hatten so früh ihre Schlagzeile, jedoch sollte Bruno Labbadia nur die Vorspeise vor der eigentlichen Nachricht des Tages sein.

Denn diese kam kurze Zeit später aus Dortmund, gespoilert von der BILD, die den Rücktritt und ein Sabbatical Jürgen Klopps ankündigte, der wohl müde sei und Risse zwischen sich und dem Verein erkannt habe. In Thomas Tuchel soll bereits ein Nachfolger gefunden worden sein, sogar Gehalt und Vertragslänge (20 Mio in 4 Jahren) wurden wieder publiziert. Eine Nachricht wie eine Bombe, die man gar nicht richtig glauben konnte. 13:30 Uhr dann Pressekonferenz: mit dem Eintreten von Aki Watzke, Jürgen Klopp und Michael Zorc bestätigt Borussia Dortmund in einer Mitteilung die vorangegangenen Berichte. Vorzeitige Vertragsauflösung zum 30.06.15. Was daraufhin auf der PK passiert, ist bemerkenswert. Ein niedergeschlagener Hans-Joachim Watzke kämpft mit den Tränen, als er den Abschied von Jürgen Klopp verkündet. Nicht nur ein Trainer und Kollege, sondern ein Freund und Vertrauter würde am Saisonende gehen. Am Ende dankt er mit einer Umarmung im Namen aller Borussen für die so erfolgreiche Zeit. Es war unübersehbar, dass dies eine ehrliche Trauer darstellte. Dass man einen Schritt ging, den man am liebsten niemals machen wollte. Dann sprach Klopp: darüber, dass dieser Entschluss langsam in ihm reifte, durch das Gefühl, nicht mehr der 100%-richtige Trainer zu sein. Dass er nicht wegen der sportlichen Misere aufhöre, dass es zwischen ihm und der Mannschaft oder den Verantwortlichen in keinster Weise Differenzen gebe. Dass er definitiv nicht müde sei und auch überhaupt keine Pläne in der Hinterhand habe, was seine Zukunft angeht (kein Sabbatical, liebe BILD!). Und was er vor allem klar machte: ihm fiel diese Entscheidung am allerschwersten und er hätte sie am liebsten gar nicht getroffen. Doch er war sich nach langen Analysen und einer umfangreichen Selbstreflexion sicher, dass der Verein Borussia Dortmund eine Veränderung benötigte – und er dafür nicht der richtige Mann sein würde.

„Für einen Neuanfang muss ein großer Kopf weg – und das ist meiner.“ – Jürgen Klopp

Die vergangenen Jahre haben Klopp und all seinen Begleitern gelehrt, dass sie für einen großen, ganz besonderen Klub arbeiten durften. Der Slogan „Echte Liebe“ klingt zwar abgedroschen, aber genau das war und ist es in diesem Fall. Wenn er selbst geblieben wäre, hätte er fast alles umkrempeln müssen – und wäre dennoch immer an den letzten Jahren gemessen worden, jeder kleine Entwicklungsschritt wäre zu klein gewesen. Dadurch, dass er nun selbst geht, kommen die benötigten Veränderungen von ganz allein. Der Verein Borussia Dortmund sei größer als er und seine nun fast siebenjährige Erfolgsgeschichte. Und eben aus Liebe zu diesem fühle er sich in der Verantwortung, seinen eigenen Stolz und seinen Willen hinten an zu stellen und das Beste für Borussia Dortmund zu tun. Aussagen, die beeindrucken und mitfühlen lassen. Derartige Verbundenheit und Menschlichkeit sind rar geworden im Fußballgeschäft. Doch letztlich geht das Geschäft vor – ein Rücktritt für die Weiterentwicklung, für den Erfolg. Zuletzt wünscht er sich, mit maximalem Erfolg abzutreten. Europapokal und mit dem DFB-Pokal über den Borsigplatz, das wäre ganz lässig.

Es ist eine Ehrlichkeit zu sich selbst, die außergewöhnlich ist. Trotz allen Ehrgeizes und dem tollen Fundament für die Zukunft, trotz aller Freundschaft und Verbundenheit traf man diese Entscheidung. Sie ist wohl das beste Sinnbild, um die besondere Zusammenarbeit und Beziehung zwischen dem Trainer, den Verantwortlichen und dem Verein auszudrücken. Eine Zusammenarbeit, die nicht ersetzbar ist und die man vermissen wird. Sportlich ist es hoffentlich die richtige Entscheidung – es wäre sehr schade, wenn nicht.

Fragen zu Nachfolgern wurden im Übrigen nicht beantwortet, vermutlich gibt es auch noch keinen. Ursprünglich sollte die Verkündung wohl auch einige Zeit später stattfinden, durch die Meldungen am Vormittag gab es diese aber nicht mehr. Dass ausgerechnet der Trainerwechsel in Hamburg die Veröffentlichung des Klopp-Rücktritts ausgelöst hat, scheint nicht ausgeschlossen. Tuchels Absage an Hamburg (oder Hamburgs Absage an Tuchel) eröffnet genug Raum für Spekulationen über einen Zusammenhang. Und Klopp hat er ja schon einmal beerbt. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Letztlich werden die nächsten Wochen zeigen, wie es weiter geht. Irgendwie wird es ja weiter gehen. Bis dahin kann man sich auf eine emotionale Abschiedstournee freuen.

Das Dessert des Trainer-Bebens gab es dann am frühen Abend, auch wenn es fast nur noch als Randbemerkung taugt. Der VfB Stuttgart wird ab dem Sommer wohl von Alexander Zorniger gecoacht. Der frühere Trainer von RB Leipzig (denen Tuchel übrigens abgesagt hat…) wurde schon lange gehandelt, soll in Stuttgart ebenfalls einen Neuaufbau einleiten. Thomas Tuchel hat sich angeblich auch angeboten. Tuchel hier, Tuchel da – für die nächsten Schlagzeilen ist gesorgt. Langweilig wird’s nie.

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