Zunächst einmal: nein, ich bin nicht suizidgefährdet. So oder so ähnlich waren die Kommentare darüber, sich als Leipziger in den berühmt-berüchtigten Block 7.1 auf der Westtribüne des Fritz-Walter-Stadions zu wagen. Die Lauterer selbst bezeichnen sich gerne als Epizentrum der Gegenbewegung und der Abneigung gegen RB Leipzig, was mich etwas vorgewarnt hat. Zugegeben, ein Outing via RBL-Fanschal, Mitschreien der Aufstellung oder Torjubel beim Poulsen-Treffer wurde unterlassen – ansonsten wäre der Rest des Spiels unter einigen Beeinträchtigungen wohl an mir vorbei gegangen. Bereits im Vorfeld der Partie gab es ja bekanntlich die mittlerweile standardmäßigen Protestaktionen. Von Bannern auf der Autobahn („Schorle statt Red Bull“) bis hin zum „Vergessen“ des Vereinsnamens auf der Eintrittskarte waren diese durchaus kreativ und humorvoll.

Auf der Hinfahrt zum Spiel ist der Zug zu 99% mit Fußballfans gefüllt, vorzugsweise in den Farben ihrer roten Teufel. Die meisten haben noch etwas Bier für unterwegs dabei, alles wie bei allen anderen Fans – selbst denen aus Leipzig. Eben jene Leipziger sind auch häufiges Gesprächsthema. Keine Hasstiraden, sondern recht sachliche Gespräche über die „Historie“, Vereinsstruktur und Personal. Zwar wird Rangnick häufig schon zum Trainer ernannt, aber ansonsten ist man in Kaiserslautern gut informiert über das „Konstrukt Red Bull“. Meinungen wurden demnach selbst gebildet und nicht einfach von der Kritikmasse übernommen. Dazu wird die eigene Pfälzer Mannschaft analysiert, die Alten erzählen Geschichten aus den großen Bundesliga-Zeiten, als der Betzenberg noch die uneinnehmbare Festung war. Am Fuße des Betze hält dann der Zug, es folgt ein etwa fünfzehnminütiger Fußmarsch hinauf zum Stadion. Die Stimmung ist gut, ein 2:0-Heimsieg wird erwartet. Vor und im Stadion (das übrigens sehr imposant ein wenig ans Mailänder San Siro erinnert und auch an die WM 2006 zurückdenken lässt) hängen Dutzende Flugblätter, geschrieben von der Lauterer Fan-Szene, die das heutige Spiel thematisiert. Wenig überraschend ist es ein Aufruf gegen das Dosen-Imperium auf Österreich, der anspricht, wie man sich bestenfalls zum Spiel ‚Verhalten‘ (ja, der Rechtschreibfehler stand da so drin) sollte. Er solle beben, der gute alte Betze – sinnvollere Protestmaßnahmen als Total-Boykotte oder Stillschweigen.

Und der Betze bebte tatsächlich. Schon nach der verlorenen Platzwahl und dem anschließenden Seitentausch (Leipzig spielte in der ersten Halbzeit vor der Westtribüne, was traditionell eigentlich Lautern macht) ertönte ein gellendes Pfeifkonzert inklusive erhobenen Mittelfingern und anderen Obszönitäten. Im weiteren Spielverlauf wurde jede Leipziger Aktion auf diese Weise begleitet, umgekehrt wurde jeder Ballgewinn und jede Offensivaktion frenetisch bejubelt. Mit der Leipziger Führung drohte diese Euphorie zu kippen, der schnelle Ausgleich konnte das aber verhindern. Dennoch merkte man langsam im Publikum, dass sich die roten Bullen trotz der immensen Überzahl der roten Teufel nicht wirklich beeindrucken ließen, bei den Pfeifkonzerten und Buhrufen konzentrierte man sich fortan vor allem auf Yussuf Poulsen. Die Stimmung blieb trotzdem weiter prächtig, Anti-RB-Chorale („Und ihr macht unsern Sport kaputt“ etc.) gab es seltener – man konzentrierte sich auf die Unterstützung für die eigene Mannschaft.

Blick aus dem FCK-Block aufs Spielgeschehen in Hälfte 2
Blick aus dem FCK-Block aufs Spielgeschehen in Hälfte 2

In der zweiten Halbzeit setzte sich dies fort, gerade in der Schlussphase der heiß umkämpften Partie kochte der Betzenberg noch einmal. Einen Sieg gegen Leipzig hätte man schon gerne genommen, jedoch war auch nach Abpfiff erkennbar, dass man nicht unzufrieden war. Es war dann doch nur ein normales Spiel, in dem man maximal drei Punkte holen konnte. Während der zweiten Hälfte hatte ich außerdem die Möglichkeit, mich mit einigen Pfälzern zu unterhalten. Der ungeliebte Poulsen wurde zwar konsequent mit Schmähgesängen bedacht, doch er beeindruckte auch eine Vielzahl der Gastgeber: „Der Poulsen is a richtig Guter, sau schnell und gefährlich“. Ebenso überraschte es einige, dass trotz des Montagabend und der weiten Strecke ein paar Hundert Unterstützer aus Leipzig angereist sind. Wirklicher Hass sieht anders aus.

Letztlich fand ich es beruhigend zu sehen, dass RB Leipzig auch von „echten“ Traditionsfans noch relativ neutral und realistisch analysiert wird und man sich selbst eine Meinung bildet. Auch wenn es sicherlich derzeit Trend ist, bei jeder Gelegenheit seinen Unmut auszudrücken, sind die Proteste harmloser als man manchmal befürchtet. Wenn, dann geht der richtige Hass meist aus dem harten Kern der Fanszene hervor, die im Fußball ihren Lebenssinn sieht. Der gemeine Lautern-Fan und der Leipzig-Fan unterscheidet sich in seinem Wesen dagegen nicht wirklich: beide gehen optimistisch mit ein paar Bier ins Stadion, unterstützen die Mannschaft während dem Spiel, regen sich über den Schiedsrichter auf und analysieren im Anschluss noch einmal die wichtigsten Szenen – das war’s dann aber auch. Danach geht das alltägliche Leben weiter, mit den wahren Problemen. Das Spiel hat mir gezeigt, dass Fußball eben doch nur eine Nebensache ist – wenn auch eine wirklich, wirklich schöne!

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