Die Vorschlussrunde des kürzesten Weges im deutschen Vereinsfußball zu einem Titel und nach Europa. Große Geschichten, legendäre Duelle, eigene Gesetze – das ist der DFB-Pokal! Mit Bayern gegen Dortmund wurde am Dienstagabend ein absoluter Klassiker geschaffen, Wolfsburg musste sich beim Überraschungsteam und designierten Zweitliga-Aufsteiger Bielefeld beweisen. Die Analyse.

FC Bayern München – Borussia Dortmund 1:3 i.E. (1:0, 1:1, 1:1)

„Noch einmal mit gutem Grund mit dem Laster auf den Borsigplatz fahren, das wäre lässig.“

Jürgen Klopp definierte seine Ziele für das Pokal-Halbfinale klar – der Pott soll in den Pott! Nicht nur als große Rettung für eine verkorkste Saison, sondern auch als letzte Krönung seiner siebenjährigen Ära beim BVB. Der alte, neue Meister und langjährige Rivale aus München musste dafür bezwungen werden – Stoff für ein (vorerst) letztes, denkwürdiges Spiel.

Das sollte es dann auch werden, ein großes und in vielerlei Hinsicht legendäres Spiel, obwohl es anfangs gar nicht danach aussah. Die Bayern hinten mit Boateng, Benatia und Rafinha auf links, davor das Dreieck Alonso, Thiago und Lahm. Dazu mimte Weiser rechtsaußen den Robben, der gemeinsam mit Götze zunächst auf der Bank Platz nahm. Bei Dortmund hingegen Langerak im Tor, dazu eine 4-3-3-Formation mit Kuba als zusätzlichen Zentrumsspieler und vorne Kagawa als falsche Neun. Klopps taktische Marschroute bestand aus einem äußeren Anpressen seiner Offensivreihe gegen die spieleinleitenden Boateng und Benatia, sodass diese meist nur durch die Mitte eröffnen konnten. Dort sollten Bender, Gündogan und Kuba das Zentrum verdichten und somit sofortigen Zugriff auf die ballführenden Münchener Mittelfeldspieler erhalten. Dieser Plan schlug jedoch fehl: Lahm und vor allem Thiago gelang es dank ihrer Antizipation und Technik, entweder noch vor oder auch während dem Dortmunder Pressing den Ball abzuschirmen und auf die Außen zu verlagern. Dort hatten Bernat, Weiser und auch Müller enorm viel Platz und die Borussia lief nur hinterher. Entsprechend dominant gestalteten die Bayern das Spiel, Dortmund fand überhaupt kein Mittel ins Spiel zu kommen. Einzig der Torerfolg blieb den Bayern noch verwehrt, obwohl Lewandowski und Müller immer wieder für Unruhe sorgten. Das lag auch daran, dass sich Dortmund bei bayrischer Ballzirkulation teilweise mit einer 4-5-1-Formation tief an den eigenen Strafraum heranschob. Verzeichnete der BVB aber mal einen Ballgewinn, wurde der Ball durch Hektik oder fahrlässige Fehlpässe wieder hergeschenkt. Aus einem solchen Ballverlust resultierte auch das 1:0. Benatia sah einen Kagawa-Pass voraus, bediente vertikal den davongeschlichenen Lewandowski, der zunächst an den Pfosten lupfte und im Nachschuss (mit Schürze gegen Sokratis!) schließlich zur Führung traf. Ein hochverdientes und überfälliges Tor, die Borussia in München völlig chancenlos. Daran änderte sich auch nach der Halbzeit nichts. Bayern verwaltete, brachte Robben und Schweinsteiger, regte sich aber auch berechtigt über einen klaren Handelfmeter (Schmelzer) auf und vergab Chancen. Mit der Einwechslung Mkhitaryans bekam Dortmund plötzlich Struktur und das Spiel die Denkwürdigkeit des Spiels nahm ihren Lauf. Keine zwei Minuten später legte der Armenier nach Zuspiel von Kuba quer, Aubameyang grätschte den Ball hinter die Linie – im Gegensatz zum letztjährigen Finale wurde der Treffer auch anerkannt. Mit einer einzigen, der ersten nennenswerten, Offensivaktion hatte der BVB das Spiel auf absurdeste Weise auf den Kopf gestellt. In der Folge war sogar noch mehr möglich, doch Mkhitaryan und vor allem der blasse Reus scheiterten an Manuel Neuer. Bayern war sichtlich angeknockt und kassierte noch einen zweiten Tiefschlag: Arjen Robben musste nach 16 Minuten das Spiel wegen eines Muskelbündelrisses in der Wade verlassen, Saison-Aus für den Holländer!

In der Verlängerung stellten die Bayern auf eine Viererkette um und konnten so die Spielkontrolle zurückgewinnen. Nachdem sich der eingewechselte Kampl nach zwei dämlichen Fouls die Ampelkarte abholte, versuchte der FC Bayern noch einmal alles, die Entscheidung herbeizuführen. Doch diesmal war es Schweinsteiger, der zweimal am herausragend agierenden Langerak scheiterte. Dieser sorgte noch für eine weitere strittige Szene, als er Lewandowski beim Wegfausten kurz vor dem Fünfmeterraum abräumte – wohl kein Elfmeter, jedoch Gesichtsbrüche beim Polen; Bayern war vom Pech verfolgt. Bis zum Elfmeterschießen. Gerade im Elfmeterschießen…kurz zusammengefasst:

Lahm weggerutscht vorbei, Gündogan sicher ins anvisierte Lahm-Eck, Alonso nimmt Lahms Elfer und drückt Copy-Paste, Kehl trifft, Langerak mit „Mindgames“, Götze verschießt (ausgerechnet…), Neuer hält Hummels, Neuer feuert an die Latte, Langerak reißt die Arme hoch, Klopp sprintet an Guardiola vorbei, Ende und Aus.

Es war ein Spiel mit zahlreichen Höhepunkten, viel Diskussionsstoff und trotzdem kann es keiner erklären, man wird einfach nur noch ganz lange darüber reden. Die Bayern haben reichlich Grund zum protestieren (Schiri Gagelmann war der schwächste auf dem Spielfeld), müssen sich zunächst aber an die eigene Nase greifen. Mehrfach hätten sie das Spiel entscheiden können oder es zumindest nicht derart aus der Hand geben. Dortmund war erschreckend schwach und unterlegen, kam aber mit Glück und Mentalität zurück. Bayern muss sich gerade durch die neuen Verletzungssorgen aufraffen, um Barcelona in der Champions League Paroli zu bieten. Die Borussen und Jürgen Klopp können weiter vom krönenden Abschied auf dem Borsigplatz träumen. Der Laster ist zumindest schon mal in Berlin…

 

Arminia Bielefeld – VfL Wolfsburg 0:4 (0:2)

Im zweiten Pokalhalbfinale standen sich David gegen Goliath gegenüber. Nichts Neues für die Arminia aus Bielefeld, die sich dem VfL Wolfsburg nach neunzig Minuten relativ deutlich geschlagen geben musste. Innenverteidiger Stephan Salger brachte die Bielefelder nach acht Minuten in Bedrängnis, als er einen katastrophalen Fehlpass auf Caligiuri spielte. Dieser fackelte etwa so lange, wie ein Sechszehnjähriger im Bordell und sorgte mit seiner Vorlage auf Maxi Arnold für den Führungstreffer. Das 0:2 erzielte Luiz Gustavo in der 31. Minute per Kopf, nachdem Riese Naldo ihm abgelegt hatte. Zu Beginn der zweiten Hälfte kamen die Bielefelder per Freistoß von Dick zu einer Großchance (Latte), Klos schoss im zweiten Versuch über das Tor. So war es der quirlige Perisic, der im Aubameyang-Stil zum 0:3 grätschte und vier Minuten später abermals der junge Maxi Arnold, der früh für klare Verhältnisse und den Endstand sorgte. Die gesamte Partie über waren die Wölfe dem Drittligisten sowohl individuell, als auch kollektiv klar überlegen. Mit Maxi Arnold (Jogi, ruf ihn mal bei Gelegenheit an! Danke.), Caligiuri und Rechtsverteidiger Vieirinha fanden sie eine gute Mischung aus Weiträumigkeit und Kurzpassspiel. Dadurch lockten sie die Bielefelder häufig gut aus ihrer Deckung heraus, um dann brutal zuzuschlagen. Wenn es so nicht ging, war meist Kevin de Bruyne im Zentrum präsent – der kann ja auch ganz gut kicken. Ansonsten waren die Bielefelder mit Wolfsburgs individueller Klasse die gesamte Partie lang überfordert. Hinzu kam eine beeindruckende Ruhe und Routine der Wolfsburger, die nach den eher mäßigen Leistungen in den letzten Spielen nicht selbstverständlich ist. Irgendwann musste die Bielefelder Serie im Pokal mal reißen. Dennoch gehen sie mit hocherhobenem Haupt aus dem Wettbewerb und auch mit ein paar Scheinen mehr im Turnbeutel. Der Wiederaufstieg in die zweite Liga wird ihnen gelingen, wo man sich auf eine gute Mannschaft mit leidenschaftlichen Fans freuen darf. Die Wölfe hingegen fahren nach zwei missglückten Halbfinals (2014 gegen Dortmund, 2013 gegen Bayern) endlich nach Berlin. Dort soll nach einer tollen Saison nach 2009 mal wieder ein Titel in die Autostadt geholt werden. Berlin, 30.05.2015, Dortmund gegen Wolfsburg: es wird offensiv, es wird spannend, es wird dramatisch, es wird emotional. Es ist angerichtet.

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