In der Bundesliga sind sie das derzeit beste Team der Rückrunde. Einen Platz fürs internationale Geschäft sicherten sie sich in dieser Spielzeit frühzeitig. Mit teils famosem Konterfußball etablierten sie sich in der Top 4 der Liga. Die Rede ist selbstverständlich von der Borussia aus Mönchengladbach. Hätte man so etwas vor vier Jahren prognostiziert, man hätte ihn wohlmöglich in psychiatrische Obhut gegeben. Vor vier Jahren stand der Verein nämlich unmittelbar vor dem Abstieg. Mit der Verpflichtung Lucien Favres konnte man den Absturz in der Saison 2010/11 gerade noch verhindern. Es folgte eine Erfolgsstory, die bis heute Bestand hat. Fans der älteren Generation fühlen sich dabei an die guten alten Zeiten zurückerinnert, als Jupp Heynckes vorn netzte, Günter Netzer sich selbst einwechselte und das Team fleißig Titel sammelte. Auch wenn im Vergleich zu damals die Haare kürzer und die Hosen länger geworden sind, so könnte uns die aktuelle Generation der Gladbacher ähnlich in Erinnerung bleiben.

 

Fast-Abstieg als Startschuss

Nachdem man in einem dramatischen Rückspiel gegen den VfL Bochum in der Relegation den Abstieg gerade noch entgehen konnte, ermöglichten die Gladbacher Lucien Favre – oder besser gesagt, er sich selbst – eine ungestörte Vorbereitung auf die folgende Spielzeit. Da der Schweizer sowohl für seine Akribie und seinen Perfektionismus, als auch für seine bisweilen schwierige Art bekannt ist, sagten ihm Kritiker eine kurze Amtszeit bei den Gladbachern voraus. Diese verstummten jedoch mit dem Auftaktsieg gegen den Titelfavoriten aus München. Auch der Rest der Saison verlief wie im Märchen: die Borussia spezialisierte sich auf gefährliche Konter, benutzte dabei stets schnelle Flachpässe und hatte mit dem jungen Marco Reus einen absoluten Shootingstar in ihren Reihen. Im Mittelfeld zog Roman Neustädter die Fäden, in der Verteidigung hielt sie Dante zusammen. Am Ende der Saison stand ein sensationeller vierter Platz, der die Fohlen für die Qualifikation an der Champions League berechtigte. Im Sommer 2012 gaben sie jedoch ihre so wichtige Achse aus Dante (FC Bayern München), Roman Neustädter (FC Schalke 04) und Marco Reus (Borussia Dortmund) an die Konkurrenz ab. Diese wurden durch vielversprechende Talente wie Álvaro Domínguez, Granit Xhaka und Luuk de Jong ersetzt. Während sich Domínguez und Xhaka mit der Zeit an das Tempo der Bundesliga und den Spielstil Lucien Favres gewöhnten, fasste de Jong nie so wirklich Fuß bei den Gladbachern.

„Das ist so, als würde Barcelona Piqué, Xavi und Messi verlieren.“ Lucien Favre

Da er von seiner ganzen Anlage her ein eher klassischer Stürmer ist, der sich weniger am Kombinationsspiel beteiligt und auf Torchancen lauert, passte er nicht wirklich in das schnelle Flachpassspiel der Fohlen. In der CL-Qualifikation scheiterte die Borussia und in der Liga gab man sich mit einem achten Platz zufrieden. Die Gladbacher waren zwar immer noch ein gutes Konterteam mit guten Abläufen im Pressing, doch vor allem im Mittelfeld fehlte ihnen ohne Neustädter häufig die Griffigkeit. Zudem fehlte dem Umschaltspiel die Durchschlagskraft und Direktheit des Vorjahres. Im Spielaufbau war man außerdem arg limitiert, Granit Xhaka brauchte noch eine gewisse Zeit, um zu dem dominanten Spielmacher zu werden, der er heute ist.

 

Lang lebe die falsche Neun!

13-14
Personalbesetzung der Saison 2013/14

Im Sommer 2013 nahm man deshalb weitere Veränderungen vor. Max Kruse wurde auf Grund einer Ausstiegsklausel für eine fast schon lächerliche Ablöse von 2,5 Millionen Euro aus Freiburg geholt und Favres Lieblingsschüler Raffael wurde für 5 Millionen aus Kiew transferiert. Weiterhin kam Christoph Kramer auf Leihbasis für zwei Jahre aus Leverkusen. Raffael und Kruse bildeten fortan den Zweiersturm in Favres 4-4-2 und Christoph Kramer unterstützte Xhaka auf der Doppelsechs. Die fehlende Direktheit im Konterspiel wurde indirekt durch Raffael und Kruse behoben: nach Ballgewinnen ließen sie sich häufig für schnelle Ablagen zurückfallen und der freigewordene Raum im Sturmzentrum wurde von den Außenstürmern (meist Herrmann und Arango) angesprintet. Im eigenen Spielaufbau waren die Gladbacher nun wesentlich flexibler, da sich sowohl Kruse als auch Raffael permanent an der Ballzirkulation beteiligten. Sie agierten quasi als doppelte falsche Neun, indem sie ihre eigentlichen Positionen verwaisten und sich eher im Mittelfeld aufhielten. Eine Reihe weiter hinten war Christoph Kramer im Grunde für alles zuständig: er bewegte sich sehr frei, öffnete Räume für die Mitspieler, stand für Kombinationen bereit, fungierte bei Ballverlusten als Balljäger, zeigte tolle Dribblings und sorgte für Verbindungen zwischen den Mannschaftsteilen. Am Ende der Saison stand ein guter sechster Platz und damit die Teilnahme an der Euro League.

 

Die Entwicklung geht weiter

14-15
Personalbesetzung der aktuellen Saison

Als Marc Andre ter Stegen zum Saisonende den Verein verließ, zögerte Manager Max Eberl nicht lange, einen Nachfolger für den jungen Deutschen zu verpflichten. Diesen fand man in Yann Sommer, der fast nahtlos an die Leistungen ter Stegens anknüpfte. Auch wenn der Schweizer kein so herausragender Techniker wie ter Stegen ist, so ist seine Ballverarbeitung und sein Aufbauspiel enorm sauber, weshalb er für seine Vorderleute häufig eine sichere Anspielstation ist. Da die Außenpositionen in den letzten Jahren mit Herrmann, Arango und teilweise Raffael recht dünn besetzt waren, reagierte der Verein auch dort. Freistoß-Künstler Juan Arango verließ die Borussia ebenso, wie der gescheiterte Luuk de Jong. Stattdessen verpflichtete man junge, dynamische Flügelstürmer für die Offensive: Thorgan Hazard (FC Chelsea), Ibrahima Traoré (VfB Stuttgart), Fabian Johnson (TSG 1899 Hoffenheim) und André Hahn (FC Augsburg) lotste man im vergangenen Sommer nach Mönchengladbach. Kostenpunkt? 11,75 Millionen Euro, wobei für Hazard im Winter eine Kaufoption für 8 Millionen Euro gezogen wurde. Insgesamt gaben sie im Sommer also nicht mal 20 Millionen Euro Ablösesumme für 5(!) gute Bundesligaspieler mit Perspektive aus, kann man mal machen.

Aufbau
Spielaufbau der Gladbacher in dieser Saison. Die Außenverteidiger rücken weit auf, das Zentrum kontrollieren Xhaka, Kramer, Kruse und Raffael.

Dies bringt uns zu einem weiteren wichtigen Faktor in Gladbachs Erfolgsstory: Manager Max Eberl. Zusammen mit Lucien Favre schaffte er es in den letzten Jahren immer wieder, Abgänge durch clevere Transfers adäquat zu ersetzen. Clever insofern, dass die Verpflichteten entweder für einen schmalen Taler geholt wurden (Kruse, Hahn) oder schlichtweg kostenlos zu den Gladbachern wechselten (Traoré, Johnson). Zugegeben, Traoré, Hahn oder Johnson sind keine Weltstars, doch sie passen hervorragend in das Spielkonzept der Gladbacher und verstärken den Kader in der Breite. Das bietet Lucien Favre selbstverständlich mehr Möglichkeiten, seine Philosophie vom Direktpassfußball umzusetzen. Der breitere Kader kommt der Borussia in dieser Saison spürbar entgegen, Patrick Herrmann kann sich aufgrund der Rotation Pausen gönnen und spielt teilweise wie entfesselt. Weiterhin wurde das Aufbauspiel um ein paar Facetten verfeinert, Xhaka und Kramer ergänzen sich hervorragend und man bewahrt in Drucksituationen häufig die Ruhe. Generell ist das Spiel der Gladbacher im Aufbau vorsichtiger und sicherer als in den vergangenen Jahren geworden. Sind sie aber erstmal in der Offensive, dann gehen die Fohlen fast immer volles Risiko, um ihre Angriffe durchzudrücken.

Es wird spannend zu beobachten sein, ob und wie Lucien Favre den Verein in der nächsten Spielzeit weiterentwickeln wird. Mit Kramer und (höchstwahrscheinlich) Kruse wird er definitiv zwei Schlüsselspieler verlieren. Lars Stindl konnte man sich vorzeitig für die kommende Saison sichern (#AusstiegsklauselEberl) und auch an Yussuf Poulsen von RB Leipzig soll man interessiert sein. Meiner Ansicht nach sollte man in jedem Fall über eine Verpflichtung Johannes Geis‘ oder Julian Baumgartlingers (Vertrag läuft aus) nachdenken, um auf der Sechserposition mehr Optionen zu haben. Können die Gladbacher diese Abgänge frühzeitig kompensieren, so sind sie für mich auf Dauer ein ernstzunehmender Kandidat für die Top 4 der Liga. Der Max und der Lucien werden sich schon was einfallen lassen. Vielleicht nehmen sie ein paar Taler mehr in die Hand.

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