14 Mittelfeldspieler, aber nur 2 Stürmer. Die vordere Spitze ist bei Borussia Dortmund nach dem Abgang von Ciro Immobile dünn besetzt. Angesichts von vielen anvisierten englischen Wochen bis in den Frühling 2016 und erfahrungsgemäß hoher Verletzungsanfälligkeit eigentlich ein Unding. Doch einen passenden Stürmer für das BVB-System zu finden, ist kompliziert – denn der Vorgänger wirft große Schatten. Es ist sehr schwer, Spieler allein anhand von Statistiken zu bewerten. Dennoch verraten sie einiges über Spielweise und Potential. Wir haben uns auf die Suche gemacht nach einem geeigneten Lewandowski-Nachfolger. Mit überraschenden Ergebnissen.

Das Anforderungsprofil

Robert Lewandowski zeichnete sich beim BVB durch die Jahre nicht nur durch seine Torbeteiligungen aus, er war zugleich auch wichtig für das gesamte Kombinationsspiel im letzten Drittel sowie für das Gegenpressing. Dieses Gesamtpaket zu ersetzen, ist die Herausforderung. Wir haben für das Suchprofil die Mittelwerte von Lewandowski aus den Jahren 2012-2014 in insgesamt sieben Kategorien gebildet: Pässe gesamt, Passgenauigkeit, Key Passes, Schusspräzision, Schüsse innerhalb des Strafraums, Tore innerhalb des Strafraums sowie erfolgreiche Pressingaktionen. Die Werte dieser Attribute beziehen sich auf den Durchschnitt pro 90 Minuten. In Zahlen heißt das:

Pässe gesamt:                                               26,29

Passgenauigkeit:                                           72 %

Key Passes:                                                  1.37

Schusspräzision:                                           66 %

Schüsse innerhalb des Strafraums:              2,85

Tore innerhalb des Strafraums:                    0,69

erfolgreiche Pressingaktionen:                      56,65%

Auf dieser Basis haben wir einige Spieler, die finanzierbar wären, mit Lewandowski verglichen.

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Quelle: Squawka.com Ayoze Perez stand aufgrund seiner Fähigkeiten ebenfalls zur Auswahl. In der Vergangenheit spielte er jedoch zumeist auf dem Flügel, weshalb er nur indirekt eine Option wäre.

Die Kandidaten

#1 Jonatan Soriano

Der 29-jährige Spanier ist Kapitän und Leistungsträger bei Red Bull Salzburg. Seine Tore brachten den Österreichern in den letzten Jahren europaweite Aufmerksamkeit ein. Überragend ist dabei seine Einbindung in das Salzburger Offensivspiel, er ist ähnlicher Zielspieler wie es Lewandowski beim BVB gewesen ist. Dafür ist er weniger der Strafraumspieler, sondern agiert deutlich mehr außerhalb des 16ers. Auch im Spiel gegen den Ball schneidet er wesentlich schlechter ab.

Problem: Soriano ist trotz seines Alters nicht billig, außerdem plant man in Salzburg fest mit ihm. Seine Tauglichkeit für höhere Aufgaben hat er in der Europa League gezeigt (die Statistiken sind nur die aus der Europa League, die in der Liga wären noch deutlich höher), dennoch ist der Sprung in die Bundesliga groß.

#2 Michu

Noch ein 29-jähriger Spanier. Vor zwei Jahren war er eines der heißesten Eisen bei Swansea City einer der heißesten Stürmer Europas. Dann folgte eine Verletzung und eine semierfolgreiche Ausleihe nach Neapel. Seine Werte in der damaligen Zeit sind durchaus mit Lewandowski zu vergleichen. Michu ist als gelernter Mittelfeldspieler enorm ballsicher und verfügt über eine hervorragende Übersicht. Er fokussierte nicht so konsequent den letzten Pass (Key Pass) wie Lewandowski, da er bei Swansea oftmals für den vorletzten Pass zuständig war. Im Abschluss hinkt er Lewandowski deshalb ebenso hinterher. Im Defensivverhalten fällt er stark ab.

Problem: Michu hat das Potential, konnte es aber seit fast zwei Jahren nicht mehr abrufen. Mit seiner Spielweise würde er theoretisch perfekt in das Dortmunder Spiel passen. Er ist ballsicher, beteiligt sich passend am Spielaufbau und ein gutes Gespür für Räume. Man kann ihn also getrost als einen typischen falschen Neuner bezeichnen! Nach seiner Verletzung ist er bislang jedoch nicht der Alte geworden. Ob er es je wieder wird, ist fraglich.

#3 Diego Rolan

Diego wer? Ja, der 22-jährige Uruguayer von Girondis Bordeaux ist nur wenigen ein Begriff. Der vielseitige Stürmer ist nicht ganz so robust wie Lewandowski, bringt dafür die nötige Technik für eine umfassende Einbindung ins Kombinationsspiel mit. Hinsichtlich Torgefahr und Gegenpressing besteht noch Aufholbedarf, mit etwas Feinschliff ist da aber definitiv etwas machbar.

Problem: er ist wohl eine noch größere Wundertüte als Ciro Immobile. Dafür passt er von der Spielweise mehr zum Dortmunder Fußball und ist dazu günstiger. Kann funktionieren, braucht aber Zeit und Geduld.

#4 Daniel Ginczek

Er war die Stuttgarter Lebensversicherung im Abstiegskampf der vergangenen Saison. Dabei fungierte er sowohl als wichtiger Zielspieler im letzten Drittel, sondern auch als Goalgetter mit Killerinstinkt. Seine Paraderolle als durchschlagskräftiger Konterspieler konnte er beim VfB ebenfalls darbieten. Dafür zeigte er Schwächen in der Passgenauigkeit und im Pressing – ansonsten hält er gut mit Lewandowski’s Werten mit. Er ist jung, kennt die Liga und hat Dortmunder Stallgeruch.

Problem: er ist sehr verletzungsanfällig. Außerdem will der VfB um ihn herum ein neues Team aufbauen. Entsprechend hoch wird seine Ablöse sein. Dass man ihm beim BVB vor zwei Jahren wegschickte, hat er wohl auch nicht vergessen.

#5 Javier Hernandez

Chicharito, die kleine Erbse. Nach guten Jahren unter Sir Alex bei Manchester United und einer passablen Leihe bei Real Madrid darf sich der 27-jährige Mexikaner einen neuen Klub suchen. Gegenüber Lewandowski steht er auf technischem Niveau keineswegs zurück, auch wenn er selten den tödlichen Pass spielt. Im Strafraum ist er dafür sogar noch umtriebiger und erfolgreicher als der Pole. Sein Defensivspiel ist dazu passabel. Er wäre einer, der sofort funktioniert.

Problem: er wäre die renomierteste Lösung und trotz auslaufendem Vertrags im kommenden Sommer auch die teuerste. Die Ablöse nahezu zweistellig, dazu ein üppiges Gehalt.

#6 Adrian Ramos

Wer sich jetzt wundert, wieso ein Spieler in der Aufzählung ist, der bereits beim BVB unter Vertrag steht, dem sei gesagt: seine Werte aus den Hertha-Jahren sind hervorragend. Im Aufbauspiel und der Arbeit gegen den Ball übertrifft er Lewandowski, nur im Abschluss liegt er knapp hinter ihm. Die Anlagen für die Dortmunder Sturmspitze hat der Kolumbianer, das haben wohl auch die Dortmunder Verantwortlichen bei seiner Verpflichtung gesehen. Wenn er fit ist, kann er nach dem Abgang von Immobile mit mehr Spielzeit zeigen, ob er überzeugt.

Problem: er ist ja schon da. Zwar könnte er die Qualität haben, mehr Breite in den Kader bringt er aber trotzdem nicht. Es ist ein hohes Risiko, sollten er und Aubameyang sich verletzen oder einer von beiden außer Form sein.

Fazit

Soriano und Michu wären erfahrene Optionen und sicher gute Back-Up’s. Realistisch sind sie aber nicht. Rolan und Ginczek haben Potential, können durch die Konkurrenz aber auch stagnieren. Hernandez ist die Königlösung, aber auch zu schade für die Bank. Ramos bekommt die Chance sich zu beweisen, muss dafür aber fit bleiben. Hinter ihm ist nur Ducksch, mit dem aber kaum geplant wird.

Optimal wäre ein Talent aus der eigenen Jugend, welches aber nicht in Aussicht steht. Ein neuer Mann für Spitze und Breite würde unter Umständen nicht schaden, kann den Kader aber weiter unnötig aufblähen. Vermutlich wird deshalb kein teurer Spieler mehr kommen, sondern Aubameyang und Ramos das Vertrauen ausgesprochen. Ein junger Back-Up ist denkbar, sofern der Markt etwas hergibt. Entscheidend wird zudem sein, ob man unter Thomas Tuchel mit zwei Stürmern oder einem Solostürmer spielen wird.

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