Im Jahr 1 nach dem WM-Triumph präsentierte sich die DFB-Elf häufiger nicht weltmeisterlich. Nach Strapazen, Rücktritten und Neuformierungen hinkte man in der Brückensaison 2014/15 den eigenen Ansprüchen hinterher und blieb den Fans etwas schuldig. Vor dem Qualifikationsspiel am Freitag gegen Polen wartete man daher auf Besserung. Diese Standortbestimmung meisterte man mit Bravour. Dennoch steht noch viel Arbeit vor Joachim Löw.
Der Weltmeister meldet sich zurück

Im Spiel gegen die Polen am vergangenen Freitag läutete die Nationalelf furios die neue Länderspielsaison ein. Gegen die tiefstehenden Polen funktionierte die Ballzirkulation vor allem im zweiten Drittel sehr gut. Erinnert man sich an das Hinspiel vor gut einem Jahr zurück, hatte man gerade beim Übergang vom zweiten ins letzte Drittel enorme Probleme, weil einerseits die Abstimmung fehlte und man andererseits ungeduldig Chancen erzwingen wollte. In der Offensive startete Thomas Müller von der linken Seite immer wieder gefährlich diagonal Richtung Tor oder tauschte mit Mario Götze zeitweise die Positionen. Generell bewegten sich die beiden Münchener zumeist im Verbund, wohingegen Karim Bellarabi auf der anderen Seite eher auf Einzelaktionen in Form von Durchbrüchen fixiert war. Ab und an suchte er mit Debütant Emre Can und vereinzelt Mesut Özil das Zusammenspiel über außen. Bellarabi wirkte dennoch wie ein Fremdkörper im Spiel der Deutschen. Ein Lichtblick in der Offensive war Mario Götze. Nicht nur wegen seiner beiden Treffer machte der Münchener eine sehr gute Partie. Götze sorgte im letzten Drittel für Verbindungen zum Flügel, bewegte sich weiträumig und suchte das Dribbling, wenn es angebracht war. Die Szene zum 2:0 zeigte sämtliche Stärken Götzes auf: eine kluge Positionierung zwischen Zentrum und Flügel, mit Tempo auf den Gegner zudribbeln, kurzer Haken und zack, rein den Wirsing!
Vorne Biene, hinten Ruine

Die Partie gegen Polen brachte jedoch wieder die alten Problemchen der Nationalelf zum Vorschein. In der Offensive kann Joachim Löw aus einem unglaublich großen Topf an Spielern schöpfen, die allesamt Qualität mitbringen: arrivierte, gerade neu dazu gekommene Akteure wie Emre Can, Kevin Volland oder Jonas Hector. Dahinter scharren Youngstars wie Julian Brandt, Joshua Kimmich oder Maxi Arnold mit den Hufen. Auch im Mittelfeld sieht es alles andere als mager aus. Wenn man als Bundestrainer einen Ilkay Gündogan in Top-Form von der Bank bringen kann, einen Christoph Kramer auf der Bank sitzen hat und Daniel Baier noch nicht mal im Kader hat, dann muss einem doch die Hose vor Freude platzen. Selbst Ausfälle von Topspielern, wie Reus oder Khedira kann man mittlerweile problemlos kompensieren.

In der Defensive schaut das ein wenig anders aus. Dort muss Löw improvisieren. Auf den Außenverteidigerpositionen ist man ohnehin seit Jahren schwächer besetzt. Auf Links bahnt sich derzeit Jonas Hector vom 1. FC Köln an, der gegen Polen eine sehr ordentliche Leistung zeigte. Marcel Schmelzer wäre in seiner derzeitigen Verfassung zwar ebenfalls für diese Position denkbar, allerdings bezweifle ich, dass er seine Stärken auch im Spiel der Nationalmannschaft einbringen kann. Schmelzers ansteigende Form hängt stark mit der Spielweise von Thomas Tuchels BVB zusammen. Auf der rechten Seite wird es wohl eine „Aushilfe“ werden. Emre Can wäre ebenfalls wie Sebastian Rudy als gelernter Sechser eine spielstarke Variante, die offensiv nicht so linear agiert, sondern häufiger Richtung Mitte driftet und von dort aus das Spiel ankurbelt. Denkbar wäre auch Mustafi oder Ginter als Rechtsverteidiger aufzubieten, die beide, trotz der Tatsache, dass sie gelernte Innenverteidiger sind, einen großen Offensivdrang besitzen. Entscheidend wird sein, wer den Großteil der Saison fit sein wird und entsprechende Spielpraxis sammeln kann. Festzuhalten ist, dass in der Verteidigung nur Boateng und Hummels Weltklasseniveau haben, Can, Mustafi & Co. brauchen dafür noch das ein oder andere Jahr, können es aber ohne Frage erreichen.

Die S- und T- Frage

„Der Ginczek gehört in die Nationalelf!“ „Wir brauchen vorne drin einen, den wir mit Flanken füttern können!“ „Wieso denn schon wieder Zieler?!?!?!“

Dies sind ausgewählte Kommentare aus den Untiefen eines Beitrags zur aktuellen Kadernominierung. Das obligatorische Fordern nach einem Mittelstürmer, einem „echten Neuner“ bietet abermals Diskussionsstoff. Dass sich Daniel Ginczek seit Wochen in einer Top Verfassung befindet, ist unbestritten. Allerdings vergisst man oftmals, dass sich das Spiel beim VfB Stuttgart gänzlich von dem der Nationalmannschaft unterscheidet. Beim VfB hat Ginczek Räume zum Kontern, in der Nationalelf steht er zumeist tiefstehenden Abwehrreihen gegenüber. Da er sich anders als vielleicht Götze oder Kruse nur partiell an der Ballzirkulation beteiligen kann, wird er es womöglich schwer haben, dem Offensivspiel seinen Stempel aufzudrücken. Daher ist es durchaus fraglich, ob er sein Spiel in der Nationalelf auch so umsetzen kann.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Torhüter-Nominierung. Neben Manuel Neuer wurden Marc-André Ter Stegen und Ron-Robert Zieler in den Kader berufen. Über Letzteren ließ so mancher sein Unverständnis verlauten. Dazu sei ganz kurz gesagt: Zieler ist einer der spielstärksten Torhüter der Bundesliga. Dass er trotz seiner herausragenden fußballerischen Fähigkeiten auf vergleichsweise schwache Statistiken kommt, liegt an der Spielweise seines Vereins Hannover 96. Dort wird nur im seltensten Fall sauber von hinten heraus eröffnet, weshalb Zieler oftmals den Ball nach vorn schlagen muss. Dort ist er seinen Konkurrenten Bernd Leno und Kevin Trapp weit voraus. Auf der Linie ist er ebenfalls stark. Bei der Konkurrenz mag es teilweise spektakulärer ausschauen, aber Zieler ist ihnen auch dort mindestens ebenbürtig. Letztlich darf man nicht vergessen, dass der Hannoveraner im Nationaldress stets ordentliche Leistungen ablieferte. So hat die Nominierung Zielers durchaus seine Berechtigung.
Das Ziel fest im Blick

Gegen die Schotten kann das Nationalteam die Qualifikation für die Europameisterschaft unter Dach und Fach bringen. Die Schotten sind aufgrund der Niederlage am letzten Spieltag unter Zugzwang. Dementsprechend leidenschaftlich wird man dort auf eine Sensation hinarbeiten. In Normalform dürfte die Nationalelf jedoch nichts anbrennen lassen und die Hausherren ins offene Messer rennen lassen. In den kommenden Spielen wird es interessant zu sehen sein, ob und vor allem wie der Bundestrainer die Spielweise künftig verfeinern wird, ob wir weitere Neulinge bestaunen dürfen et cetera. Es liegen spannende Wochen und Monate vor uns…

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