Deutschland – Zwischen Pragmatismus und Modernisierung

Nach der durchwachsenen Qualifikation, in der man bis zum letzten Spieltag um die direkte Teilnahme bei der EM zittern musste, diskutieren sämtliche Fans und Hobby-Bundestrainer über die Spielweise der DFB-Elf. Doch nicht nur Löws Spielphilosophie, sondern auch dessen Personalentscheidungen werden in verschiedenen Medien stark hinterfragt. Alles wie immer also.

Aus rein personeller Sicht gibt es auch im nächsten Sommer für Joachim Löw gerade in der Offensive ein Überangebot. Neben den wohl gesetzten Thomas Müller, Mesut Özil, Marco Reus und Mario Götze wird der Kampf um die bestenfalls drei restlichen Plätze im Angriff mehr als eng. Während sich etablierte Nationalspieler wie Podolski oder Schürrle seit langem in einer Formkrise befinden, drehen Youngsters wie Volland und Sané derzeit mächtig auf. Auch Mittelstürmer wie Max Kruse und Mario Gomez, dem Löw eine mögliche Rückkehr in die Nationalelf in Aussicht gestellt hat, befinden sich derzeit in guter Verfassung. Da Löw eher einen mitspielenden, beweglichen Stürmer dem klassischen Strafraumstürmer vorzieht, werden sich Alex Meier & Co. wohl kaum Hoffnungen auf eine Teilnahme an der Euro 2016 machen können. Viel eher wird es zu einem Duell zwischen Kevin Volland, Max Kruse und Mario Gomez kommen. Allesamt sind sie für das Sturmzentrum eingeplant und jeder von ihnen interpretiert diese Rolle auf seine ganz eigene Art und Weise. Kevin Volland, der pressingstarke, dribbelnde Stürmer, der mit seinem hohen Arbeitsaufwand zu überzeugen weiß. Max Kruse, der falsche Neuner, der sich oft spielmachend am Geschehen beteiligt. Und Mario Gomez, der spielerisch oft unterschätze, abschlussstarke Mittelstürmer.

Im Mittelfeld herrscht eine ähnliche Situation vor: viele gestandene Akteure treffen auf die Talente der Bundesliga. Dass Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Ilkay Gündogan bei entsprechender Fitness im kommenden Sommer nach Frankreich fahren, ist so sicher wie ein Happy End im Freudenhaus. Dazu gesellt sich wohl Christoph Kramer, um den Platz neben ihm werden sich vermutlich, der bald wieder genesene Sami Khedira und eines der U21-Talente streiten. Kimmich, Weigl, oder Arnold: Sie alle hätten durchaus das Potenzial, als die alljährliche Überraschung für ein großes Turnier nominiert zu werden. Johannes Geis wird aufgrund seiner Spielmacherqualitäten vielfach mit Lob überschüttet. Sicherlich hat der Schalker aufgrund seiner weiträumigen Spielweise und seiner Dominanz im Spielaufbau einige Argumente auf seiner Seite, bei der EM dabei zu sein. Allerdings ist Geis‘ Spielweise im Gegensatz zur Konkurrenz sehr ausrechenbar: Er kippt im Aufbau fast permanent zwischen die Innenverteidiger, egal, ob es gerade passend ist oder nicht. Diese Intelligenz im Bewegungsspiel haben ihm genannte Konkurrenten voraus, ebenso ist Geis unter Druck fehleranfälliger. Sollte Khedira jedoch fit bleiben und zu alter Form zurückfinden, wird der Bundestrainer auf den Turiner zurückgreifen.

Der Defensivverbund dürfte weitestgehend gesetzt sein. Das Zentrum werden Boateng und Hummels verdichten, als Backup stehen Mustafi und Höwedes parat. Auf der linken Abwehrseite hat Jonas Hector derzeit die Nase gegenüber seinen Mitstreitern vorn. Da Marcel Schmelzer bei Joachim Löw seinen Kredit in der Vergangenheit verspielt hat, wird Hector wohl gesetzt sein. Schmelzer wäre jedoch gerade im Spiel gegen den Ball bei der Konterunterbindung ein wichtiger Baustein. Auf der Position des Rechtsverteidigers wird es nochmals spannend. Emre Can und Matthias Ginter haben beide gute und weniger gute Aktionen bei ihren letzten Einsätzen gezeigt. Da Ginter diese Position im Club künftig häufiger Spielen wird als Can, der bei den Reds im Mittelfeld aufläuft, hat der Dortmunder diesbezüglich mehr Sicherheit.

Im Tor ist der Kampf um die Plätze hinter Manuel Neuer spannend wie lange nicht: Marc André ter Stegen, Bernd Leno, Ron-Robert Zieler, Kevin Trapp und Ralph Fährmann sind derzeit potentielle Kandidaten. Da Löw technisch starke Torhüter präferiert, ist es durchaus möglich neben Neuer ter Stegen und Zieler zu nominieren. Aufgrund der zuletzt gezeigten Leistungen wurde folgerichtig Leno statt Zieler nominiert. Bis zum Sommer (nicht der Yann, der ist Schweizer!) wird es auf dieser Position noch hin und her gehen; eines müssen wir uns hier jedoch nicht machen: Sorgen.

Als amtierender Weltmeister ist der Druck bei einer Europameisterschaft ohnehin schon groß. In Deutschland ist sie noch größer, da der Titel bei solchen Möglichkeiten das Mindeste ist. Ob die DFB-Elf diesem Druck standhalten kann?

Unbenannt

Belgien – Auferstehung der „Roten Teufel“?

Der neue Weltranglistenerste redet seit Jahren von einer goldenen Generation, die nun aber auch mal liefern muss. Courtois im Tor ist unumstritten und wohl Erbe von Manuel Neuer als Welttorhüter. Mit Kompany, Vertonghen und Alderweireld steht eine sehr gute Innenverteidigung zur Verfügung. Schwachstelle sind die Außenverteidigerpositionen, die kein internationales Format besitzen. Häufig müssen gelernte Innenverteidiger wie Toby Alderweireld oder Nicolas Lombaerts auf den Außenpositionen aushelfen. Dem noch jungen Jason Denayer von Galatasaray Istanbul will man vermehrt Spielpraxis geben.

Hingegen kann sich das Mittelfeld um Witsel, Fellaini, Dembélé und Nainggolan sehen lassen. Möglich auch, dass Youri Tielemans in Frankreich die internationale Bühne betritt. Die Superstars sind natürlich Eden Hazard und Kevin de Bruyne, die die Offensivabteilung um Mertens, Lukaku & Co. in Szene setzen müssen.

Hoffnungsvolle Talente gibt es neben den etablierten Superstars trotzdem zu Hauf: Adnan Januzaj, Yannick Carrasco und Dennis Praet lauern allesamt auf ihre Chance. Was ist eigentlich aus Divock Origi geworden? Dem Jungen, der bei der letzten WM auf sich aufmerksam machte und anschließend beim FC Liverpool anheuerte? Der steht seitjeher ein wenig neben sich und im Schatten von Teamkollege und Landsmann Christian Benteke. Den haben sie ja auch noch.

Dennoch fehlt den Belgiern neben der Breite im Kader die Erfahrung, wie man in K.O.-Partien abgezockt spielt. Sie haben zwar viele talentierte Spieler, wirklich internationales Formaten haben (noch) wenige. Von daher wäre das Halbfinale ein Erfolg.

UnbenanntB

Frankreich – Équipe Fantastique

Als Gastgeber gehen die Franzosen selbstverständlich mit Titelambitionen in die Europameisterschaft. Wie so häufig stehen ihnen teils hervorragende Kicker zur Verfügung, die allesamt bereits internationale Erfahrungen gesammelt haben. Die Kunst wird sein, diesen Spielern ein passendes taktisches Konzept an die Hand zu geben.

Im Tor sind die Franzosen seit langer Zeit sehr solide besetzt. Neben Hugo Lloris von Tottenham Hotspur hat man mit Steve Mandanda aus Marseille einen ebenfalls hervorragenden Mann zwischen den Pfosten. Probleme dürfte Nationaltrainer Didier Deschamps an dieser Stelle nicht haben, Lloris erwies sich nicht erst seit der WM im vergangenen Sommer als sicherer Rückhalt.

Davor bilden der junge Raphaël Varane und Laurent Koscielny die Innenverteidigung. Da beide extrem dynamisch sind und gerade Varane über ein sauberes Zweikampfverhalten verfügt, wird es für die Gegner schwer sein, schnelle Konter gegen die Franzosen zu fahren. Als Ersatz stehen Deschamps Mamadou Sakho und Eliaquim Mangala zur Verfügung. Die nächste Generation um Kurt Zouma und Samuel Umtiti steht allerdings schon in den Startlöchern. Die Außenverteidigerpositionen sind weniger gut, aber dennoch stark genug besetzt: Rechtsverteidiger Mathieu Debuchy machte im letzten Sommer auf sich aufmerksam, während Altmeister Patrice Evra nach wie vor die linke Seite beackert, als würde er auf seinen Weinfeldern die Traubenlese durchführen. Lucas Digne vom AS Rom wird sich da noch etwas gedulden müssen.

Das Prunkstück der Franzosen wird im nächsten Sommer das Mittelfeld sein. Neben Superstar Paul Pogba besitzt man mit Yohan Cabaye einen Mittelfeld-Allrounder allererster Güte. Weiterhin dürfte Ausdauer-Monster Blaise Matuidi ebenso gesetzt sein, wie Morgan Schneiderlin. Dribbelkünstler Mathieu Valbuena hat „Les Bleus“ auch noch in der Hinterhand. Da wird es für Neu-Mailänder Geoffrey Kondogbia schwer, Einsatzzeiten zu bekommen. Sollte sich keiner dieser genannten Akteure langfristig verletzen, so haben die Franzosen im nächsten Sommer wohl eines der besten Mittelfelder. Entscheidender Mann wird hier neben Yohan Cabaye wohl Paul Pogba sein, der bei der WM bereits sein Talent hier und da aufblitzen ließ. Im vergangenen Jahr reifte er mit dem Champions League Finale bei Juventus Turin nochmals. Wir dürfen gespannt sein, in welcher Form sich der 22-Jährige im kommenden Sommer präsentiert.

Ähnlich stark wie das Mittelfeld, ist auch die vorderste Linie des Gastgebers aufgestellt: Antoine Griezmann und Karim Benzema besitzen bereits Weltklasseformat, Letzteren kann man getrost zu den besten 3 Stürmern der Welt zählen. Ihnen stehen junge Talente wie Alexandre Lacazette, Nabil Fekir oder Manchester Uniteds Shootingstar Anthony Martial zur Seite. Auch Arsenals Olivier Giroud hat seine Daseinsberechtigung in diesem Ensemble. Da sich jedoch sowohl Lacazette, als auch Fekir derzeit etwas durchhängen, ist es vorstellbar, dass wir im nächsten Sommer einen Dreiersturm aus Griezmann, Benzema und Martial sehen könnten. Bis dahin ist allerdings noch viel Zeit und bei Lacazette wird der Knoten auch bald platzen.

Die Franzosen sind für die EM im nächsten Sommer bestens gewappnet. Mit ihrer Supertalent-Achse aus Varane, Pogba und Martial, verbunden mit den Erfahrenen, können sie durchaus mit dem Titel im eigenen Land liebäugeln. Parallelen zur glorreichen 98er Mannschaft sind vorhanden. Ob es Didier Deschamps im nächsten Jahr schafft, auch als Trainer zu glänzen?

UnbenanntF

Advertisements