England – Alles wie immer?

Mit einer starken Qualifikation, in der man alle Spiele gewinnen konnte, stand England als einer der ersten Teilnehmer fest. Und auch für die Endrunde sind die „Three Lions“ ernstzunehmender, als mancher hierzulande glaubt. Mit Joe Hart hat man einen international erfahrenen Torwart, der an guten Tagen Weltklasse ist, nur leider nicht oft gute Tage erwischt. Dazu kommt eine solide defensive um den jungen John Stones und den erfahrenen Gary Cahill. Mit Phil Jones und Phil Jagielka stehen ebenfalls ordentliche Backups zur Verfügung. Mit Ausnahme von Stones ist die Innenverteidigung eher konservativ ausgerichtet: Im Spielaufbau nicht sonderlich spektakulär, im Zweikampf sehr robust. Aufgrund dieser spielerischen Mängel könnten die Engländer abermals große Probleme im Spielaufbau bekommen, wo die Gegner sie relativ einfach isolieren können.

Die Außenverteidigerpositionen sind mit Evertons Leighton Baines und Nathaniel Clyne vom FC Liverpool etwas kreativer besetzt. Gerade Baines ist für seine klugen Bewegungen auf der linken Seite bekannt. Sein Passspiel ist recht sauber, dabei versucht er immer wieder das Spiel mit diagonalen Zuspielen in den Sechserraum anzukurbeln und Engen aufzulösen. Clyne ist ein Außenverteidiger englischer Prägung: vertikal ausgerichtet, flankenorientiert und bisweilen technisch unsauber. Sein Konkurrent Kyle Walker von den Tottenham Hotspur ist ähnlich veranlagt, auch wenn er in seinem Bewegungsspiel cleverer ist. Abgedeckt von Arsenals Kieran Gibbs, Chris Smalling und den hoffentlich bald wiedergenesenen Luke Shaw, ist das wohl die personell beste Abwehrkette, die England seit langem aufbieten kann. Davor tummelt sich die Zentrale aus Liverpool mit Milner und Henderson, welche zusammen mit dem talentierten Ross Barkley entscheidend für das englische Abschneiden sein wird. Der Mittelfeldmann vom FC Everton wurde im vergangenen Sommer zu Recht von halb Europa gejagt. Mit seinen fast 22 Jahren hat er bereits alle Anlagen, die man als moderner Zehner braucht: Er ist dribbel- und kombinationsstark, verfügt über eine gute Physis und einen starken Zug zum Tor. Weiterhin steht Dribblinggott Jack Wilshere parat. Jedenfalls so lange, wie er nicht seiner Hauptbeschäftigung nachgeht: Krankenhausbesuche. Die Aufgabe dieses Zentrums ist es, die Mitte kompakt zu halten und die Außen um Sterling, Walcott und Oxlade-Chamberlain gut einzubinden. Für die Sturmspitze stehen mit Rekordtorschütze Wayne Rooney, Harry Kane und Daniel Sturridge drei Topleute zur Verfügung. Somit ist die erste Elf bzw. 14 der Engländer Kandidat für das Halbfinale.

Neben der Breite im Kader fehlt den Engländern jedoch traditionell die taktische Schulung, weshalb es ihnen in den letzten Jahren immer weniger gelang, gegen taktisch gut ausgebildete Mannschaften Siege einzufahren. Gegen Mannschaften, die im Kollektiv agieren hat es der von Individualismus geprägte englische Fußball in der Regel schwer, Chancen zu kreieren und gegnerische zu unterbinden. Auch wenn das Team von der Insel bekanntlich viele große Namen in seinen Reihen hat, so scheiterten sie in der Vergangenheit an den eben genannten Schwächen. Inwieweit Coach Roy Hodgson diese Probleme beheben kann, ist durchaus fraglich.

Unbenannt

Italien – Was heißt „Umbruch“ auf Italienisch?

Eigentlich haben sie nie die besten Teams, man muss aber immer mit ihnen rechnen. Den deutschen Albtraum aus Pasta und Amore trainiert derzeit Ex-Juventus-Coach Antonio Conte, der bisher noch sehr viel experimentiert. Defensiv gesetzt sind nur der ewige Gianluigi Buffon, Leonardo Bonucci, Giorgio Chiellini und Matteo Darmian. Die restliche Abwehr wird sich aus Talent und Erfahrung zusammenbauen. Die zieht sich auch durch die Mittelfeld- und Sturmreihe: Verratti, Marchisio, Candreva und Florenzi sind die einzig gesetzten. Altmeister Daniele De Rossi ist ebenfalls fester Bestandteil der Azzuri. Vorne haben zurzeit Graziano Pellè und Simone Zaza die besten Karten. Dahinter gesellen sich talentierte Offensivkünstler wie Manolo Gabbiadini oder der aus sämtlichen FIFA-Versionen bekannte Stephan El Shaarawy. Domenico Berardi war der Shootingstar der letzten U21 EM bei den Italienern. Der Mann von US Sassuolo ist extrem schnell, trickreich und kann an guten Tagen die Offensive alleine tragen. Da er jedoch gerade mal 21 Lenßen auf dem Buckel hat, fällt es ihm manchmal noch etwas schwerer, sich im entscheidenden Moment in das Spiel einzubinden und für Aktionen zu sorgen. Seine Qualitäten stellte er in der Liga bereits mehrfach unter Beweis, in der Nationalmannschaft muss ihm Conte noch die Chance dazu geben. Ähnlich verhält es sich mit Lorenzo Insigne vom SSC Neapel, dem noch bei der U21 EM vor zwei Jahren eine ähnliche Zukunft wie heute Berardi prognostiziert wurde. Da Insigne scheint derzeit noch unter Ladehemmungen zu leiden und sitzt daher nicht so fest im Sattel wie seine Konkurrenz.

Einer, der in den letzten beiden Jahren immer unabdingbarer für die Italiener wurde, ist Marco Verratti. Sowohl bei der Nationalmannschaft, als auch bei Paris St. Germain wird der 22-Jährige als spielmachender Sechser vor der Abwehr eingesetzt. Dabei erinnert Verrattis Stil durchaus an einen gewissen Andrea Pirlo. Ähnlich wie Pirlo zieht er gerne das Spiel auf sich, verteilt Bälle und geht dem gegnerischen Druck geschickt aus dem Weg. Eigentlich sollte er Pirlos Erbe nach der WM im letzten Jahr antreten und „l’architetto“ in seinen wohlverdienten Vorruhestand in die USA gehen. Fehlanzeige. Die coolste Sau des Weltfußballs chippt die Bälle weiterhin mit stoischer Ruhe über gegnerische Abwehrreihen, das die Schwarte nur so kracht. Verratti ist aufgrund seiner Beweglichkeit und seiner Frische dennoch in der Regel gesetzt.

Unserer Meinung nach wird es Zeit, der jungen Generation die EM als wichtige Erfahrung zu geben. Wie bereits erwähnt verfügt das Team in sämtlichen Mannschaftsteilen über erfahrene, aber teilweise überalterte Stars, die von der nächsten Generation aus den verschiedensten Gründen nicht verdrängt werden. Verratti ist bereits neues Herzstück der Mannschaft, Berardi, Rugani und Romagnoli können dies auch werden. Trotzdem geht der Titel nicht über Italien.

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