1. Kein 4-2-3-1

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Die Startaufstellung der Reds

Bereits vor der letzten Partie gegen Rubin Kasan und auch vor dem Debüt Jürgen Klopps, wurde man sich auf medialer Ebene relativ schnell einig, dass der Neu-Coach wohl auf das auf Dortmunder-Zeiten erprobte 4-2-3-1 mit einer klaren „Jäger und Sammler“-Verteilung im Zentrum geben wird. Bereits in der ersten Partie gegen Tottenham wurde deutlich, dass sich Klopp keineswegs auf nur eine Formation versteifen will. Formationen werden prinzipiell überbewertet; entscheidend sind die Abläufe der Spieler untereinander. Genau auf diese Wechselwirkungen ging Jürgen Klopp mit seiner Systemumstellung ein: Im neuen 4-3-2-1 können die beiden dynamischen Außenverteidiger (vor allem Moreno auf links) fast im Alleingang die Bahn beackern und situativ werden sie von Coutinho auf Links, bzw. Milner auf Rechts unterstützt. Die Doppelzehn wird von Coutinho und Lallana (später Firmino) ausgefüllt, was so auch ihrem Fähigkeitenprofil als Spielmacher entspricht. Beide drifteten immer wieder durch die Mitte und die Halbräume, um für Überzahl in Ballnähe zu sorgen. Lucas war auf der Sechs für die tiefe Ballzirkulation zuständig und wurde dabei zumeist von Emre Can unterstützt.

2. Yes he Can!

Jürgen Klopp lobte unlängst die Fähigkeiten von Emre Can. Aufgrund seiner Flexibilität und Spielintelligenz war er für den liverpooler Ballbesitz besonders wichtig. Er positionierte sich häufig im linken Halbraum, um von dort aus den Ball ins zweite Spielfelddrittel zu tragen. Dadurch konnte Moreno frühzeitig nach vorn schieben, und zusammen mit Coutinho und vereinzelt Origi (später Benteke) den linken Flügel zu überladen. Der junge Deutsche war auch im Spiel gegen den Ball immer sehr griffig, war aggressiv im Zweikampf und löste so manche Situation souverän. Probleme hatte er immer dann, wenn er sich in Dribblings auf dem Flügel quasi selbst isolierte, anstatt den Ball weiterzuspielen. Can könnte gerade aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen in der Bundesliga und den U-Nationalmannschaften ein wichtiger Baustein im Klopp’schen Pressingfußball werden. Da das Pressing auf der Insel bisher relativ ungeordnet und nur punktuell genutzt wurde, hat Can dank der Zeit in Deutschland bereits große Vorteile gegenüber seinen Kollegen.

3. Die Pressingmaschine stockt noch

In den beiden bisherigen Spielen erkannte man bereits die Handschrift des Ex-Dortmunders. Im Spiel gegen den Ball hat man es immer wieder geschafft, die Außenverteidiger Southamptons kollektiv unter Druck zu setzen. Innenverteidiger Jose Fonte wurde immer wieder von Coutinho und später Benteke aggressiv angelaufen, um ihn so zu langen Bällen zu zwingen. Die beiden Achter Can und Milner schossen immer wieder aus ihrer Halbposition heraus und sicherten ebenfalls gut die Mitte, wenn der Ball auf der gegenüberliegenden Seite war. Wusste sich Southampton aus den Drucksituationen mit Verlagerungen zu befreien, musste der gesamte Block wieder auf die andere Seite wetzen. Vor allem James Milner zeigte diesbezüglich einige starke Szenen. Fraglich ist daher, wie lange die Liverpooler diese laufintensive Spielweise durchhalten. Noch(!) können sie es nicht über die gesamten 90 Minuten abrufen. Haben die Spieler jedoch erst einmal die Spielweise Klopps verinnerlicht und wissen, wann sie das Tempo anziehen bzw. herausnehmen müssen, können sie dieses Tempo über die gesamte Partie gehen.

4. Im letzten Drittel fehlt die Kollektivität…

Gegen die tiefstehende und gut organisierte Defensive der „Saints“ taten sich die Reds lange schwer, zwingende Chancen herauszuspielen. Im letzten Drittel war man sehr abhängig von Coutinho, der viel versuchte, aber erst im zweiten Durchgang besser in die Partie kam. Der Brasilianer ist allerdings ein sehr spontaner Spieler, der oftmals intuitiv auf die sich bietenden Staffelungen reagiert und dementsprechend zerstückelt wirkten die Angriffe. Mit der Hereinnahme von Benteke für den glücklosen Origi wurde es etwas besser. Der Neuzugang aus Aston Villa war zumeist Wandspieler für die Steilpässe aus dem Mittelfeld. Durch diese kurzen Ablagen erzeugten er, Moreno und Coutinho immer wieder Dynamiken und beschäftigten damit die Hintermannschaft Southamptons. Das Tor durch Benteke fiel letztlich nach einer plumpen Flanke Milners aus dem Halbfeld, welche der Belgier einköpfte. Auch hier ist es wie im Pressing: Es wird noch Zeit brauchen, ehe sich die Spieler an die Spielweise Klopps gewöhnen. Auch in Dortmund brauchte das Team zunächst eine Weile, um diese kaltblütige Kontermaschine zu werden, die sie in den Meisterjahren war.

5. …im ersten die Kreativität

Mit Mats Hummels und Ilkay Gündogan hatte Klopp zwei überragende Spielmacher und Taktgeber zur Verfügung. Bei Liverpool heißen diese jetzt Sakho und Lucas. Beide verfügen über eine solide Technik, mehr jedoch nicht. Dribblings bis ins Mittelfeld wird man von Sakho nicht sehen. Verlangt auch keiner. Generell muss man aber sagen, dass das Duo Sakho-Skrtel recht unkreativ ist, was den Spielaufbau betrifft. Can half in der ersten Halbzeit noch sehr viel aus, im zweiten Durchgang übernahm Lucas immer mehr das Heft des Handelns. Generell funktionierte dies besser, man überbrückte das Mittelfeld jetzt schneller und konnte Coutinho besser in Szene setzen. Inwieweit die Liverpooler diesen Trend in den kommenden Spielen fortsetzen können, bleibt abzuwarten. Dass die Rückkehr von Benteke jetzt schon Gold wert ist, zeigt die Phase unmittelbar nach seiner Einwechslung. Auch Firmino wird noch seinen Teil in Sachen Kreativität beitragen. Auch im dritten Spiel unter Klopp holen die Reds nur einen Punkt. Kein Grund nervös zu werden, schon jetzt haben sie spielerisch einige Fortschritte gemacht. Klopp wird versuchen, die Abwehr vorerst dicht zu machen, um aus dieser Ordnung heraus sein Konterspiel aufzuziehen. In der ersten Saison beim BVB ermauerte er 18 Unentschieden, ehe er später sein Team weiterentwickeln konnte. In diesem Sinne: lasst den Jürgen arbeiten!

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