Als geneigter Freund des runden Leders hat man es derzeit nicht leicht: Korrupte Funktionäre, gekaufte Weltmeisterschaften, ja sogar das Image der „Lichtgestalt des deutschen Fußballs“, Franz Beckenbauer ist im Zuge des DFB-Skandals rund um das Sommermärchen arg beschädigt. All das spielte sich jedoch auf sportpolitischer Ebene ab. Fernab dieser Diskussionen stellt sich die Frage, wohin es mit dem Fußball per se geht.

Kaum noch Spannung

Blickt man auf die Top5-Ligen Europas, dann sieht man teils gähnende Leere. Wirkliche Spannung bezüglich des Meisterschaftsrennens kommt kaum noch irgendwo auf. In Frankreich marschiert der Scheich-Club Paris St. Germain vorneweg, dahinter versucht derzeit Olympique Lyon den Anschluss zu halten. In der Bundesliga gibt es mit den Bayern und dem BVB die beiden Übermannschaften, meilenweit entfernt tummelt sich der Rest. Bei den Spaniern scheint in den letzten Jahren so etwas wie Spannung aufgekommen zu sein, auch, wenn der Vorjahressieger FC Barcelona mal wieder von der Spitze grüßt. In Italien scheinen Überraschungsteams wie der AC Florenz oder Inter Mailand die vierjährige Regentschaft Juventus Turins in dieser Saison zu brechen. Auf der Insel befindet sich der Titelverteidiger Chelsea London in einer kleinen Krise, ansonsten sind die beiden Manchester-Clubs vorne mit dabei, ebenso Arsenal London und das Überraschungsteam Leicester City.

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Punkteverteilung pro Spiel in den Top 5.

Der Kampf um den Titel gestaltete sich allerdings in den letzten Jahren wenig spannend. In den letzten 10 Jahren stellte die Premier League drei unterschiedliche Meister. Genauso viele wie die Primera Division und die Serie A. Die Bundesliga brachte vier verschiedene Meister hervor, wohingegen die Franzosen in den letzten 10 Jahren sogar sechs verschiedene Meister stellten.

Das Meisterschaftsrennen scheint bereits vor der Saison weitestgehend entschieden. Spannend wird es einzig in den unteren Tabellenregionen. Der Abstiegskampf sorgte in der Vergangenheit gerade in der Bundesliga immer wieder für Unterhaltung. Der Sinn einer Meisterschaft liegt allerdings nicht darin, dass der Unterhaltungsfaktor durch den Abstiegskampf erzeugt wird.

Zu viel 08/15

Da das Rennen um die Meisterschaft frühzeitig beendet scheint, beschränkt sich eine Vielzahl der Teams auf eine simple Spielweise. Am deutlichsten wird das, wenn man sich die Teams unterhalb der Champions-League-Plätze anschaut. Kaum eine Mannschaft hat eine wirklich klare Spielidee. Abgesehen von der Pressingmaschine Bayer Leverkusen, die sich derzeit in einer mittelschweren Krise befindet, gibt es in diesen Regionen nur wenige Teams mit wirklicher taktischer Identität. Mannschaften wie der HSV, Hannover 96 und vor allem Mainz 05 laufen zumeist im 4-2-3-1 auf, empfangen den Gegner häufig erst an der Mittellinie und versuchen dann über Konter zum Torerfolg zu gelangen. Das Spiel im eigenen Ballbesitz beschränkt sich in der Regel auf lange Bälle auf die Stürmer oder Angriffe über die Flügel, wo man vom Gegner relativ einfach isoliert werden kann. Dementsprechend zäh sind Partien zwischen Mittelklasse-Teams.

In England verhält es sich nicht anders: vier bis fünf taktisch „einzigartige“ Mannschaften, dahinter lauert das graue Mittelmaß. Im Vergleich zur Bundesliga mag dieses Mittelmaß vielleicht mit namenhaften Akteuren gespickt sein, mannschaftstaktisch sind die Teams von der Insel denen aus Deutschland oder Spanien meilenweit entfernt. In Südeuropa scheint sich derzeit ebenfalls ein breiter Gürtel aus 08/15-Mannschaften zu bilden, die weitestgehend dieselbe Herangehensweise wählen. Selbst das ansonsten eher unkonventionell-frisch aufspielende Rayo Vallecano um Hipster-Trainer Paco Jémez bedient sich immer öfter „normalen“ Strukturen in ihrem Spiel. In Italien mischt die Fiorentina unter Trainer Paulo Sousa die Liga mit ansehnlichem Ballbesitzspiel auf. Dahinter reihen sich wie in der Bundesliga Mannschaften, die irgendwo zwischen ideenlosem Ballbesitz und halbgarem Pressing liegen.

Mut zum Risiko

Für diese Durchschnitt-Teams gibt es im Prinzip drei Punkte, an die man sich im Groben halten sollte, will man sich von der grauen Masse abheben: Mut im eigenen Ballbesitz, Vertrauen auf die eigenen Stärken im Spiel gegen den Ball und Geduld bei der Umsetzung dieser Prinzipien. Vielfach verhalten sich vermeintlich unterlegene Mannschaften zu ängstlich, als dass sie versuchen, mutig den Gegner weit weg vom eigenen Tor zu halten oder sogar ein ambitioniertes Ballbesitzspiel auf zu ziehen. Sich aus Angst vor Gegentreffern am eigenen Strafraum zu versammeln und auf „den einen Konter“ zu lauern bringt in der Regel nur bedingt Erfolge. Häufig versanden die Konter bereits frühzeitig, weil die Entfernung zum gegnerischen Tor schlichtweg zu weit ist. Defensiv muss man immer mit dem Risiko rechnen, dass der Gegner durch die kleinste Unaufmerksamkeit in den Strafraum gelangen kann. Wieso also nicht offensiver verteidigen und den Gegner gar nicht erst an den eigenen Strafraum kommen lassen?

Mit mehr Mut und Selbstvertrauen würden auch die „kleinen“ Teams die finanzstärkeren deutlich mehr ärgern können. Kaum ein Team in Europa ist momentan so wirklich dagegen gefestigt. Einerseits, weil viele Topteams einfach keine Über-Defensive haben, sei es personell oder taktisch. Andererseits, weil sie es auch einfach nicht gewohnt sind, was sie eigentlich umso verwundbarer macht. Ausgenommen davon sind derzeit wohl nur die Bayern (Alex Zorniger kann ein Lied davon singen) und PSG. Real, Barca, ManCity, Arsenal und der BVB, sie alle machen genug defensive Fehler, die ihre Offensive meist ausgleicht. Jedoch sind wir der Meinung, dass dies mit mehr Konsequenz in den eigenen Aktionen nicht mehr so wäre, dass dann die Schwächen der Großen stärker hervortreten würden, dass dann auch wieder mehr Spannung im Spiel wäre! Natürlich kann das auch nach hinten losgehen. Aber wir würden uns gerne wünschen, dass es zumindest ein paar Teams versuchen, uns das Gegenteil zu beweisen.

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