Im vorletzten Testspiel des Jahres traf die DFB-Elf auf den Gastgeber der kommenden EM. Während Bundestrainer Joachim Löw experimentierte, vertraute Didier Deschamps auf altbewährte Mittel.

1. Zwischen Dreier- und Fünferkette

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Startaufstellungen zu Beginn. Emre can kam frühzeitig für den verletzten Hector

Als vor der Partie die Aufstellung bekannt gegeben wurde, sah alles nach einer Art 3-4-2-1 aus. Rüdiger, Boateng und Hummels sollten die Innenverteidigung bilden, die Flügel sollten Hector und Ginter beackern. Im Angriff feierte Mario Gomez sein Comeback. Im eigenen Ballbesitz entsprach das auch in etwa dieser Formation: Ginter und Hector (später Emre Can) schoben sehr früh weit nach vorn, um die französischen Flügelstürmer nach hinten zu drücken, was zu mehr Platz im eigenen Spielaufbau führen sollte. Schweinsteiger und Khedira besetzten die Halbpositionen vor der Abwehr. Die Franzosen pressten allerdings gerade in der Anfangsphase mit einem engen Dreiersturm und setzten die Verteidiger der DFB-Elf passiv unter Druck, indem sie die Passwege zum Flügel hin durch bogenartige Laufwege zu stellten. Schweinsteiger und Khedira unterstützten die Verteidiger in diesen Szenen nur sporadisch, weshalb Boateng & Co. den Weg Richtung Flügel suchten, wo man jedoch zumeist in Unterzahl war. Waren die Gastgeber in Ballbesitz, dann formierten sich die Deutschen in einem 5-2-2-1, teilweise ließen sich Draxler und Müller auf eine Höhe von Khedira und Schweinsteiger fallen.

2. Französische Asymmetrie

Die eigenen Angriffe spielten die Franzosen zumeist über die linke Seite von Anthony Martial. Der Shootingstar von Manchester United positionierte sich leicht höher als sein Pendant Antoine Griezmann auf Rechts. Während Martial vermehrt an der Seitenlinie auf Zuspiele wartete, schob Griezmann immer wieder neben Mittelstürmer Giroud oder kurbelte das Spiel halbrechts aus dem Zehnerraum an. Martial sollte seine Stärken im 1-gegen-1 einbringen und Rüdiger bzw. Ginter dementsprechend bearbeiten. So geschehen beim 1:0 durch Giroud, als Martial erst Rüdiger und anschließend Ginter im Sechzehner düpierte. Im Zentralen Mittelfeld war ebenfalls eine leichte Asymmetrie zu erkennen: Pogba kümmerte sich vermehrt um die Ballzirkulation in tieferen Zonen und dem Zentrum, während sich Matuidi um den halblinken Raum bzw. den Flügel kümmerte.

3. Blaise Matuidi – Gott der Umtriebigkeit

Dass Matuidi nur diese Räume belief, ist natürlich gelogen. Der Mann von Paris St. Germain war quasi überall zu finden. Defensiv war er zur Stelle, wenn er das Herausrücken Diarras oder Evras absicherte, offensiv war er für Martial und Giroud der Zuarbeiter. Unter Druck wusste er sich sehr gut zu behaupten, indem er den Ball entweder gut abschirmte oder Gegenspieler mit geschickten Körpertäuschungen umkurvte ließ. All das machte er mit einer ungeheuren Dynamik, die vor allem Khedira und Ginter vor arge Probleme stellte. Er war Antreiber und Ruhepol in einem, dieser Blaise Matuidi. Wer brachte nochmal die Flanke zum 2:0?

4. Deutschland (zeitweise) ohne ersichtlichen Plan

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Die 25. Minute: Schweinsteiger und Khedira sind völlig aus dem Spiel, Ginter ist weit aufgerückt. Wohin mit dem Ball für Boateng?!

Bis zu den Einwechslungen von Ilkay Gündogan und Leroy Sané war nicht wirklich ersichtlich, welchen Plan sich Jogi Löw für die Partie zurechtgelegt hat. Gerade im eigenen Ballbesitz war man recht ziellos. Die Flügelpositionen waren mit Ginter auf Rechts bzw. Can auf Links nur einfach besetzt, weshalb es für die Franzosen ein Leichtes war, diese zu isolieren. Da Ginter und auch Can im Dribbling längst nicht so durchschlagskräftig sind wie beispielsweise Sané oder Volland. Zudem wurden die Flügelspieler nur selten von Müller, Draxler und den beiden Sechsern unterstützt. Daher ist es fraglich, was Löw mit den schlecht organisierten flügelorientierten Angriffsversuchen bezwecken wollte.

5. Schweinsteiger und Khedira gehören der Vergangenheit an

Die eingangs erwähnten Probleme im Spielaufbau der Deutschen sind auch auf die Leistungen von Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger zurück zu führen. Vor allem Khedira zeigte im eigenen Ballbesitz wenig Präsenz. Zusammen verlangsamten sie die Ballzirkulation teilweise. Mit der Einwechslung Gündogans kam ein wenig mehr Dynamik in den Sechserraum; der Dortmunder war wesentlich beweglicher als Khedria und gestaltete das Aufbauspiel variabler. Er überließ Schweinsteiger vermehrt die tieferen Zonen, er selbst war Durchlaufstation im zweiten Spielfelddrittel. Aufgrund dieser und auch in der jüngsten Vergangenheit gezeigter Leistungen dürfte sich Gündogan demnach berechtigte Hoffnungen auf einen Platz neben Bastian Schweinsteiger machen, der als Kapitän im Mittelfeld gesetzt sein dürfte. Das Tandem Khedira-Schweinsteiger hatte seine Sternstunden, diese gehören allerdings der Vergangenheit an.

Fazit

2:0 gegen einen ernstzunehmenden Gegner ein halbes Jahr vor der EM. Hmm. Das Spiel sollte man als das bewerten, was es war: ein Testspiel. Der Bundestrainer probierte neue Optionen aus und konnte dadurch weitere Erkenntnisse für die Kaderplanung für die kommenden Monate sammeln. Nicht mehr, nicht weniger.

Eigentlich wollten wir aufgrund der tragischen Ereignisse rund um die Partie diese Analyse gar nicht erst veröffentlichen. Das eigentliche Sportereignis tritt für welche wie uns, die sich fast durchgängig mit Fußball beschäftigen in den Hintergrund. Manchmal ist es schwer, in solchen Situationen die richtigen Worte zu finden. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und Beteiligten dieser Tragödie.

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