Nach drei Jahren in Folge auf Platz vier wurde der Fiorentina im Sommer frischer Wind eingehaucht. Seit Juli hat der Portugiese Paulo Sousa das Ruder in der Hand und lässt seit Saisonbeginn einen teils atemberaubenden Fußball spielen. Mit Guardiolaesken Ballbesitzwerten jenseits der 60% und durchdachtem Positionsspiel scheint für die Toskaner in diesem Jahr mehr drin zu sein als nur der vierte Tabellenlatz.
Juego de Posición in der Toskana

stammpersonal
AC Florenz 2015/16

Ein Grund für den Aufschwung der Fiorentina und ihre Dominanz ist ihr konsequent-konstruktives Aufbauspiel. Paulo Sousas Mannen formieren sich dabei im 3-4-2-1, in welchem zumeist Davide Astori, Gonzalo Rodriguez und Facundo Roncaglia, bzw. Nenad Tomovic die letzte Linie bilden. Im Spielaufbau fächern sie sehr breit auf, wodurch die Halbverteidiger nicht selten nahe der Außenlinie stehen. Astori ist dabei sehr wichtig, da er sehr ballsicher ist und über ein gutes Passspiel verfügt. Mitunter sieht man von ihm scharfe Flachpässe ins Mittelfeld hinein, die ein wenig an jene von Jerome Boateng erinnern. Auf der anderen Seite rückt Roncaglia ebenfalls sehr oft nach vorne, auch wenn er weniger spielgestaltend ist, als sein Pendant. Kapitän Rodriguez ist recht ballsicher, auch wenn er in manchen Szenen noch unsauber erscheint.

Die drei Verteidiger sind also technisch solide, aber keineswegs überragend. Wäre es dann für die Gegner nicht einfach, diese mit einem aggressiven Pressing unter Druck zu setzen, um Ballverluste zu provozieren? So einfach ist es dann doch nicht. Da die Dreierkette extrem weit auffächert und das Spielfeld breit macht, muss man als Gegner entsprechend viel Raum covern. Hinzukommt, dass sie im zentralen Mittelfeld mit Milan Badelj und Matias Vecino zwei hervorragende Sechser haben, die sich klug im Raum positionieren und auch unter Druck sehr ballsicher agieren. Der AC Florenz benötigt also gar keine Edeltechniker vom Schlage eines Sergio Busquets oder David Alabas, um im ersten Drittel konstruktiven Fußball zu spielen, sie machen die Räume für den Gegner schlichtweg so groß, dass er sie gar nicht attackieren kann.

aufbau
Typische Aufbauszene der Fiorentina: Die Halbverteidiger fächern weit auf, die Sechser bieten sich an, dadurch entstehen viele Dreiecke. Wer alle Dreiecke finden kann, bekommt eine Überraschung!

Das frühzeitige Aufrücken der beiden Flügelspieler sorgt außerdem dafür, dass der Gegner weiter nach hinten gedrückt wird, um mehr Räume für den Spielaufbau zu gewähren. Diese Räume werden gerade beim Übergang ins zweite Drittel sehr gut von den beiden Sechsern belaufen. Im Gegensatz zu anderen Teams bewegen sich bei der Fiorentina Badelj und Vecino stets gemeinsam über das Feld. Keiner der beiden Sechser lässt sich alleine in tiefere Zonen fallen, um den Spielaufbau zu unterstützen. Sie besetzen jeweils immer einen Halbraum vor der Abwehr. Dadurch entstehen häufig 3-2-Staffelungen mit vielen Dreiecken im Spielaufbau, welche auch dementsprechend bespielt werden.
Das magische Viereck

Gelingt es dem Team die erste Pressinglinie des Gegners zu umspielen, wird vornehmlich über das Zentrum angegriffen. Borja Valero ist dabei der Fixpunkt und ist für die Ballzirkulation und dem Erspielen von Chancen eminent wichtig für die Toskaner. Er positioniert sich häufig im linken Halbraum, um Zuspiele zu erhalten. Vor allem das Zusammenspiel mit Verteidiger Astori funktioniert sehr gut, da der Italiener den Offensivmann mit scharfen Flachpässen durch mehrere Linien hindurch anspielt. Valero kann diese Zuspiele anschließend dank seiner guten Ballkontrolle und Physis gegen mehrere Gegenspieler behaupten. Valeros Präsenz beim Herausspielen von Chancen schlägt sich in der Statistik nieder: mit 2,3 Keypasses, also Pässen, die zu direkten Torchancen führen, spielt er im Schnitt die meisten innerhalb seiner Mannschaft. Dieser Wert ist ligaweit allerdings keineswegs überragend; denn obwohl der Spanier beim AC Florenz eine wichtige Rolle innehat, so ist das Spielkonzept nicht so stark von einem einzigen Spieler abhängig.

Wie auch im ersten Spielfelddrittel, wird der Ball auch in höheren Zonen stets im Kollektiv laufen gelassen. Im Zentrum sind Borja Valero und Josip Iličić für die offensiven, Matias Vecino und Milan Badelj für die defensiven Halbräume zuständig und so ergibt sich ein spielstarkes Viereck, das sich geschlossen über das Spielfeld bewegt. Vecino und Badelj organisieren das Spiel aus der Tiefe, Valero und sein Pendant sollen das Spielgerät in die gefährlichen Räume befördern. Iličić ist dabei minimal höher positioniert und stärker auf Abschlüsse fokussiert als seine Kollegen. Dabei nutzt er vor allem seine gefährlichen Distanzschüsse, wodurch er pro Partie im Schnitt 2,9 Torschüsse pro Spiel abfeuert. Dieses Mittel wird bei der Viola sehr gern genutzt: fast 55% der abgegebenen Torschüsse kommen von außerhalb des Strafraums. Gerade durch die guten Distanzschützen Iličić, Valero und Bernardeschi strahlt man hier Gefahr aus.

Mittelstürmer Nikola Kalinić lauert dabei stets an der Abseitskante, um entsprechende Abpraller zu verwerten. Ansonsten beteiligt sich der Kroate eher weniger am Kombinationsspiel der Fiorentina, vielmehr ist er derjenige, der den Angriff vollenden und Abschlüsse generieren soll. Iličić und Valero bewegen sich dementsprechend permanent um ihn herum. Die Alternative Guiseppe Rossi ist zwar deutlich spielstärker und auch kreativer, aufgrund von Verletzungen fand er bisher noch nicht zur Form vergangener Jahre zurück. Mit Khouma Babacar hat Paulo Sousa zudem einen antrittsstarken Mittelstürmer in der Hinterhand.

zugriff
Nach einem Ballverlust setzt der AC sofort nach, um Zugriff im Gegenpressing zu erhalten.

Die Wing-Backs auf der rechten Seite, Jakub Błaszczykowski, Federico Bernardeschi und Ante Rebić, sind in den Angriffsverlauf passend eingebunden. Spielte der Ex-Borusse, wurde er in der Vergangenheit in klaren Szenen angespielt, in denen er um sich herum viele Anspielstationen vorfand. Das italienische Talent Bernardeschi zog es häufiger ins Zentrum, um dort mit den beiden Zehnern zu kombinieren. Auf der linken Seite interpretieren die beiden gelernten Linksverteidiger Marcos Alonso und Manuel Pasqual ihre Rollen bei eigenem Ballbesitz ebenfalls sehr offensiv. Meistens reagieren sie sehr passend auf das Zurückfallen Borja Valeros, indem sie ihn nach Seitenwechseln mit Dynamik überliefen. Anschließend folgte eine schnelle Verlagerung in die Mitte oder ein Durchbruch bis zur Grundlinie.
Prävention der Ballverluste

verteidigung
So in etwa sieht der Pendelmechanismus aus, wenn sich Florenz gegen den Ball formiert.

Im eigenen Ballbesitzspiel rücken die Halbverteidiger sehr weit mit auf. Teilweise erinnert die Nutzung der Dreierkette an die der Bayern unter Pep Guardiola. Die Verteidiger versuchen sich dabei frühzeitig so zu verschieben, dass sie nach einem Ballverlust möglichst schnell Zugriff auf den Ballführenden bekommen. Dadurch wird das Spielfeld möglichst eng gehalten und der Gegner eingekesselt. In der „normalen“ Abwehrarbeit, zeigte die Viola einen eleganten Mechanismus, den sie bisher konsequent anwandten: Im offenen Pressing ließ sich der nominelle linke Mittelfeldspieler nach hinten in die Abwehrkette fallen, um somit eine Viererkette herzustellen. Die übrigen Abwehrspieler reagieren dementsprechend, indem sie allesamt eine Position nach rechts schieben. Aus dem rechten Halbverteidiger wird der rechte Außenverteidiger, aus dem zentralen Innenverteidiger der rechte Halbverteidiger, usw. Dabei ist es immer der linke Mittelfeldspieler, der sich in die Abwehrkette zurückfallen lässt und diesen Pendelmechanismus einleitet.

Auch hier ist die Wahl der Spieler von Trainer Sousa sehr passend gewählt: Da sowohl Tomovic als auch Roncaglia gelernte Rechtsverteidiger sind, haben sie wenig Probleme, die Rolle des situativen Rechtsverteidigers auszufüllen. Da man auf links vornehmlich gelernte Linksverteidiger einsetzt, gibt es hier ebenfalls kaum Anpassungsschwierigkeiten. Die Rolle des linken Mittelfeldspielers nimmt anschließend Borja Valero ein, Iličić schließt die Räume hinter dem Stürmer und so entsteht aus dem nominellen 3-4-2-1 ein klares 4-4-1-1. Ihr Pressing interpretieren sie sehr aggressiv, indem sie den Ballführenden ins Zentrum leiten wollen, wo die Fiorentina sehr kompakt steht. Gewinnen sie in dieser Zone den Ball, werden die Konter meist gar nicht ausgespielt, sondern der Ball zunächst gesichert, um den geordneten Spielaufbau einzuleiten. In den allermeisten Fällen müssen die Toskaner aber nicht lange in diesem 4-4-1-1 verweilen, da sie wie bereits erwähnt über weite Strecken den Ball durch die eigenen Reihen laufen lassen.
Aussichten

Für den Gegner war diese Spielweise gerade zu Saisonbeginn extrem unangenehm, da die Viola ihre Gegner reihenweise dominierte. Mit ihrem gut durchdachten Ballbesitzspiel und der kollektiven Arbeit gegen den Ball zählen sie seit Saisonbeginn zum Spitzentrio und stehen derzeit sogar auf dem zweiten Tabellenplatz. Obwohl man aus den letzten fünf Partien nur einen Sieg und zwei Unentschieden gegen Spitzenteams wie Juventus Turin und US Sassuolo holen konnte, sind die Tifosi durchaus optimistisch, dass es in diesem Jahr für mehr reicht als nur die Europa League. Hält Paulo Sousa die Spannung innerhalb der Mannschaft hoch und geht das Team unbeirrt seinen Weg, könnte es im nächsten Jahr tatsächlich für die Teilnahme an der Champions League reichen. Problematisch könnte es allerdings mit der Breite im Kader werden. Im Vergleich zur Konkurrenz aus Mailand, Turin oder Neapel ist der Kader mit weniger Stars bestickt. Vor allem in der Innenverteidigung könnte ein Ausfall Rodriguez‘ schwer wiegen. Inwieweit das Team die Belastungen aus der Europa League und dem Liga-Alltag meistern wird, bleibt ebenfalls abzuwarten. Die Fiorentina macht aber auf jeden Fall Bock auf mehr! Wer sagte nochmal, dass die Italiener nur verteidigen können?

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