Stiller Dirigent. Zweikämpfer. Dribbler. Spielgeist statt Kampfgeist. Meuselwitz‘ Antwort auf Luka Modrić. Fabian Baur, Fußballgott.

Stoischer Zweikämpfer

Bereits in den ersten Jahren seiner Fußballerlaufbahn erkannten viele Trainer Fabian Baurs Defensivtalent. Vielfach wurde er im Kleinfeldbereich und später, ab der U14, in der Abwehr eingesetzt. Seine Cleverness im Zweikampfverhalten war ungewöhnlich sauber und konstant für einen Spieler dieses Alters. Gerade Jugendliche haben in jener Zeit aufgrund ihrer körperlichen Veränderungen einige koordinative Probleme, welche ihnen beim Übergang in den Großfeld-Bereich im Wege stehen. Bei Fabian Baur bewegten sich diese koordinativen Fähigkeiten auf einem konstant hohem Niveau. In direkten Duellen wirkte er immer elegant und bedacht.

Auch heute noch. Er wartet ab, beobachtet den Gegner. Legt sich dieser den Ball auch nur ein Stück zu weit vor, ist er auch nur einen Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam, hat er den Ball schon verloren. Die Augen sind stets auf den Ball gerichtet, der Oberkörper entsprechend gebeugt, um den Gegner auf eine Seite zu lenken. Zweikämpfe mit Fabian Baur sind für den Gegner daher enorm unangenehm. Sein Spiel ist fast körperlos. Grätschen setzt er ebenso wenig an wie Bodychecks.

Aufgrund seiner Defensivfähigkeiten wurde er im Jugendbereich häufig als Manndecker, als „Kettenhund“ eingesetzt. Traf man auf ein Team mit einem überdurchschnittlich guten Stürmer, hieß es: „Fabi, du kümmerst dich um den!“ Und er kümmerte sich um ihn. Mit stoischer Ruhe nahm er diverse Akteure aus dem Spiel. Seine Präzision und Genauigkeit entnervte sie.

Ich spiele, also bin ich

Ab der U17 erkannte man, dass seine Fähigkeiten in der Defensive verschenkt waren. Nicht nur im Zweikampfverhalten war er zu diesem Zeitpunkt herausragend, sondern auch mit dem Ball am Fuß zeigte er hervorragende Talente. Er ist kein omnipräsenter Spielmacher, der das Spiel an sich reißt und die Bälle verteilt. Auch ist er nicht der klassische Führungsspieler, der lautstark seine Mitspieler anweist – im Gegenteil: 10 Sätze am Tag sind bereits beachtlich, alles darüber kann man guten Gewissens als Rausch bezeichnen. Fabian Baur benötigt allerdings keine Worte, er spricht mit seinen Füßen. Dabei mindestens 8 Sprachen fließend. Hierbei ist sein Dribbelstil äußerst interessant.

Gemeinhin werden mit Dribblings spektakuläre Finten assoziiert mit denen der Gegner düpiert werden soll. Im Kern ist es jedoch simpler: Bei Dribblings soll schlichtweg versucht werden, offene Räume dynamisch zu durchbrechen und den Gegner hinter sich zu lassen. Hackentricks oder ähnliches sind dabei nicht notwendig. Gerade hierzulande wird das Dribbling oftmals verkannt, da mit ihm ein vermeintliches Risiko einhergeht den Ball zu verlieren. Schlägt das Dribbling fehl, hat der Gegner meist einen offenen Raum vor sich, um zum Gegenangriff zu starten.

Setzt man das Dribbling passend ein, können sich daraus durchaus gute Dynamiken und Synergien für die eigene Mannschaft ergeben. Fabian Baur nutzt Dribblings entsprechend. Er nutzt Täuschungen mit dem Oberkörper und variiert sein Tempo, um am Gegenspieler vorbeizukommen. Der Croqueta ist eine Finte, bei der der Ball in einer schnellen Bewegung vom einen aufs andere Bein gelegt wird, um den Gegner auszuspielen. Barcelonas Andrés Iniesta nutzt diese geschmeidige Bewegung mit Vorliebe, wie in diesem Video zu sehen ist. Der Vorteil, den diese Aktion mit sich bringt ist, dass man dadurch sehr schnell Dynamik erzeugen kann und der Gegner wegen des Wechsels des Spielbeins im Nachteil ist und sich meist nur mit einem Foul zu helfen weiß. Diese schnellen „Eins-Zwei-Aktionen“ nutzt Fabian Baur sehr geschickt, um am Gegner vorbeizukommen.

Weiterhin ist es auffällig, dass er das Spielfeld stets im Blick hat. Ständig dreht er seinen Kopf, um das Feld zu scannen. Diese Schulterblicke sind gerade beim Dribbling von enormer Wichtigkeit. Er orientiert sich bereits vorher, um gegnerischen Zugriffen frühzeitig zu entgehen. Durch Körpertäuschungen bei der Ballannahme kann Fabian Baur seine Gegner bereits mit dem ersten Kontakt aussteigen lassen. Er benötigt also keine spektakulären Finten, um den Gegner zu passieren. Seine gute Orientierung und Spielintelligenz lassen all das so einfach aussehen. Auch hier sind Parallelen zu einem Prominenten aus der Upperclass des Fußballs zu erkennen: Luka Modrić. Super, jetzt vergleicht er schon wieder einen Hobby-Kicker mit einem Weltklassespieler.

Die Bewegungsabläufe, die Räume, in denen sich der kroatische Mittelfeldmann von Real Madrid aufhält und nicht zuletzt die Kontinuität ähneln sich schon sehr stark. In Relation zur jeweiligen Spielklasse versteht sich. Gerade in der Balleroberung zeichnen sich beide durch eine großartige Antizipation aus, die eben jenes körperloses Spiel ermöglicht. Ein Stück weit steht diese Spielweise für den Prototyp des modernen Sechsers. Dieses urplötzliche Erzeugen von Dynamik, sei es durch Dribblings oder Pässe, ist auf dem jeweiligen Niveau sicherlich nur sehr wenigen Spielern vorbehalten. Dieses vorausschauende Spiel, das eine Omnipräsenz an den Tag legt, ohne den Ball für sich alleine beanspruchen zu wollen. Und dabei noch diese fast schon beängstigende Ruhe eines Bionade-Verkäufers auszustrahlen.

All diese Fähigkeiten ergeben im Gesamtpaket einen der lässigsten Spieler, die ich je gesehen habe, vielleicht, oder gerade weil Fabian Baur diese Fähigkeiten auf diesem Niveau miteinander vereint. Gute Fußballer müssen keine Topathleten mit Kampfgeist sein. Für mehr Spielgeist im Fußball.

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