Als Thomas Tuchel einen scheinbar ins Taumeln geratenen BVB im vergangenen Jahr übernahm, traute keiner den Borussen einen derart schnellen Leistungsschub zu, wie die Dortmunder ihn hinlegten. Mit nur etwas mehr als 20 Millionen Euro Transferausgaben forderte man Bayern München bis zum Saisonende, getragen von den Leistungssprüngen eines Aubameyang, Hummels und vor allem – Mkhitaryan. Lange war man sich sicher, dass man mit dem Armenier verlängern könnte, was Mino Raiola, Manchester United und 42,5 Millionen Euro bekanntlich erfolgreich verhinderten. Die Suche nach einem Erben lief bislang sehr erfolgreich…zumindest mittelfristig: Dembele und Mor sind Toptalente, aber auch nur Versprechen für die Zukunft. Watzke und Zorc müssen also noch einige Überstunden an der Strobelallee schieben, um die Qualität der Offensive zu erhalten.

Das Problem ist jedoch, dass nur absolute Topspieler einen 1:1-Ersatz darstellen und für die ist der BVB eine Nummer zu klein. Mkhitaryan brachte dem Dortmunder Spiel im Zentrum Kreativität, schaffte intelligent Verbindungen und Räume und auf der Außenbahn zudem Tempodribblings in höchster Sicherheit und Geschwindigkeit. Er kombinierte also Fähigkeiten von zwei Spielertypen in sich selbst. Man muss sich daher umschauen, wer die meisten dieser Attribute in sich vereinigt, denn einen der alles kann, gibt es nicht.

mikistat

Wir haben mithilfe der Daten von Squawka eine Vorschau erstellt, anhand derer wir die Attribute „Total Forward Passes“, „Key Passes“, angekommene Pässe (in %), erlittene Fouls, kreierte Chancen und gespielte Pässe (je pro 90 Minuten) von Mkhitaryan mit denen möglicher Kandidaten verglichen haben. Dafür haben wir eine Reihe Flügelspieler und eine Reihe Zentrumsspieler ausgewählt, die finanziell und strukturell ins Suchraster passen könnten.

Der Flügelmann

Andre Schürrle, 25 Jahre, VfL Wolfsburg (Vertrag bis 2019)

schürrlestat

Zugegeben, Andre liegt deutlich unter Henrikhs Werten. Und zugegeben, er ist auch ohne Statistik offensichtlich nicht so gut wie Henrikh. Und zugegeben, die notwendige Ablösesumme würde jedem Borussen enorme Bauchschmerzen bereiten, geschweige denn die von Allofs geforderte (da krieg‘ ich Bauchschmerzen vom Lachen). Aber es scheint so, dass Andre trotzdem der Wunschkandidat von Thomas ist. Was spricht also so für ihn?

Der Vorteil ist, dass der BVB-Coach genau weiß, was er bekommt. Tuchel kennt Schürrle, Schürrle kennt die Bundesliga, hat das perfekte Alter, viel Erfahrung, ist Nationalspieler und ein tadelloser Profi, der seinen Schritt ins Ausland schon hinter sich hat und den BVB zu schätzen weiß. Fußballerisch also nicht die perfekte Lösung, im Gesamtpaket aber doch ganz attraktiv und deshalb möglicherweise passend. Sofern die Ablösesumme stimmt.

Patrick Herrmann, 25 Jahre, Borussia Mönchengladbach (Vertrag bis 2019)

herrmannstat

Früher stark gehandelt, in letzter Zeit dann weniger. Eine gute Beschreibung der letzten Saison von Patrick Herrmann. Ein Kreuzbandriss warf den agilen Mittelfeldspieler in seiner Entwicklung etwas zurück, nachdem er sich in der Vorsaison in Sachen Reife und Konstanz stark steigerte und bei der Nationalmannschaft anklopfte.

Auch wenn Herrmann seine Bestform noch nicht wieder erreicht hat, könnte er – vielleicht auch gerade deshalb – interessant für Dortmund sein. Bei großer Konkurrenz in Gladbach würde sich Max Eberl wohl auf ein Angebot jenseits der 20 Millionen einlassen. Hat Herrmann seine Bestform erreicht, könnte er das Dortmunder Spiel bereichern, zudem besteht noch Entwicklungspotential. Sein Name anstelle von Bellarabi oder Schürrle erscheint nicht abwegig: auch er kennt die Bundesliga und bräuchte keine Eingewöhnungszeit.

Evgen Konoplyanka, 26 Jahre, FC Sevilla (Vertrag bis 2019)

konostat

Ehrlich gesagt ärgern sich die Autoren dieser Seite heute noch, dass man sich nicht schon im letzten Jahr um den Star der Ukraine bemühte. Da war er nämlich schon genauso gut und dazu ablösefrei. Heute kostet er 30 Millionen Euro und ist noch nicht einmal unumstrittener Stammspieler beim Dauer-Europa League-Sieger. Sportlich ein Hochgenuss. „Kono“ bringt schnelle Dribblings, präzise Flanken, scharfe Schüsse, ist dazu hervorragend im Gegenpressing. Einzig im Punkt Kreativität fällt er etwas ab.

Problematisch ist hier, neben der umfangreich zu leistenden Überzeugungsarbeit gegenüber dem Spieler, dass Konoplyanka erst ein Jahr in einer europäischen Topliga gespielt hat und sich in Deutschland erst zurechtfinden müsste. Das erfordert Eingewöhnungszeit und beinhaltet ein Restrisiko, dass die Eheschließung in Disharmonie enden könnte.

Dries Mertens, 29 Jahre, SSC Neapel (Vertrag bis 2018)

mertensstat

Nein, wir starten nicht mit einem Witz über die Körpergröße über einen der unters(ch)ätztesten Offensivspieler Europas. Der Belgier bringt seit Jahren Leistung auf konstant hohem Niveau, ohne jemals den absoluten Durchbruch geschafft zu haben. Grund dafür ist unter anderem seine eher unauffällige Spielweise. Er ist keiner, der die Gegner „Around the world“ schickt, sondern er dribbelt einfach an ihnen vorbei oder durch sie hindurch. Weiterhin bringt er eine enorme Spielintelligenz mit und vereint fast alle Attribute, die der BVB sucht.

Mertens wäre durchaus finanzierbar und könnte sich vielleicht noch eine Herausforderung in seiner Karriere zutrauen – zudem mit einer größeren Rolle im Verein. Der Jüngste ist er aber auch nicht mehr, weshalb er nicht unangefochten an der Spitze unserer Kandidatenliste steht. Angeblich besteht ja Interesse an einem Napoli-Spieler…auch wenn der in den Medien noch Marek Hamsik hieß.

Der Zentrumsspieler

Marek Hamsik, 28 Jahre, SSC Neapel (Vertrag bis 2018)

hamsikstat

Napoli-Kapitän, angehende Legende, Superstar der Slowakei. Eigentlich gibt es keinen Grund, Neapel für Dortmund zu verlassen. Dennoch wurde er ins Spiel gebracht, daher ist er auch hier. Zumindest können wir hier einmal zeigen, was für ein genialer Spieler er ist.

Auch wenn er megageil wäre, ist er doch recht unrealistisch. Aber das wäre es auch, wenn der werbende Verein Real Madrid hieße. Das eigentlich Interessante ist, dass dieser Name überhaupt von den Verantwortlichen diskutiert wird. Es zeigt, in welcher Kategorie man tatsächlich denkt bzw. dass man sich an ein derartiges Kaliber herantrauen würde.

Mario Götze, 24 Jahre, Bayern München (Vertrag bis 2017)

götzestat

MG vom BVB zum FCB und wieder zurück? Ein abendfüllendes Thema. Geht das überhaupt, ist es moralisch vertretbar, will der BVB das, will MG das, was will der FCB? Hitzigste Diskussionen in diversen Foren und doch Fragen über Fragen. Wir würden gerne eine Antwort auf die der sportlichen Sorte finden, müssen aber zugeben, dass nur eine Prognose drin ist. Götze ist definitiv ein Spieler nach dem technischen und taktischen Gusto von Thomas Tuchel, würde durchaus in das Dortmunder System passen und diesem die Verbindungen geben, die Mkhitaryan gab.

Voraussetzung wäre erstens, dass er an seiner Fitness und Geschwindigkeit arbeitet, was lösbar wäre. Zweitens, dass er willens ist, alles dem sportlichen unterzuordnen anstatt an seiner Marke zu arbeiten. Drittens, dass er fähig ist, mit dem Druck umgehen kann, denn sich in Ruhe entwickeln, das lassen BVB-Ultras und Medien kaum zu. Er müsste sofort liefern und voller Demut fast angekrochen kommen, um sich die Liebe der Fans zurückzuholen. All diese Faktoren machen den Wechsel für die Dortmunder und die Spielerseite riskant und unangenehm. Die Bayern wären wohl froh, ihn wegzuhaben. Mit unter 25 Millionen Euro könnte Götze ein echter Schnapper werden. Das macht die Sache wieder lecker.

Oliver Torres, 21 Jahre, Atletico Madrid (Vertrag bis 2018)

torresstat

Schon im Winter stand der Spanier ganz oben auf der Dortmunder Agenda, bekam aber keine Freigabe. Ein halbes Jahr später sieht das anders aus, jedoch ist die Aktie Torres seitdem gesunken. Der U21-Nationalspieler wäre gut geeignet, das Zentrum zu besetzen und als Kreativspieler zu glänzen. Durch einige Erfahrungen beim Champions League-Finalisten und einer Leihe bei Porto ist Torres dem Talentestatus bereits größtenteils entwachsen.

Jedoch wäre er wohl erst mittelfristig die große Bereicherung, die in ihm steckt und kein derart reifer und die Bundesliga kennender Spieler, an dem sich die zahlreichen BVB-Youngster orientieren könnten. Ob die Dortmunder dieses Risiko eingehen wollen und ihn anstelle eines gestandenen Spielers holen, erscheint derzeit unrealistisch. Interessanter würde es, wenn noch zwei Spieler kommen sollten. Finanziell ist dies mit Torres möglich, kostet er nicht einmal die Hälfte der Mkhitaryan-Ablöse.

Gylfi Sigurdsson, 26 Jahre, Swansea City (Vertrag bis 2018)

siggystat

Huh! Huh! Huh! Ganz ehrlich: Wer will momentan nicht einen Tag lang Isländer sein? Gylfi Sigurdsson ist einer dieser echten Männer, auch wenn Wikinger-Bartwuchs nicht zu seinen Stärken gehört. Dafür ist er aber ein verdammt guter Kicker. Bewiesen in Hoffenheim, bei Tottenham und Swansea. Ja, er ist bundesligaerfahren. Ja, er hat ein gutes Alter. Ja, er hat das Potential für einen Klub wie den BVB.

Er wäre zwar nicht der Topstar, den sich einige wünschen, aber er bringt nicht vorhandene Qualitäten mit und ist im Gesamtpaket ein sehr solider Kandidat. Unter 20 Millionen könnte da durchaus was machbar sein und es wäre Raum für einen Flügelspieler, den Sigurdsson mit Pässen füttern kann. Der Kandidat, wenn sich die Verantwortlichen gegen die teure oder unsichere Risikovariante entscheiden.

Vielleicht die noch?

Weitere Namen, die in die Preis- und Gewichtsklasse der Dortmunder passen könnten.

Davy Klaassen

klaassenstat

23 Jahre, Ajax-Kapitän. Bereit für den Schritt in die Topliga, torgefährlicher Mittelfeldspieler. Passt gut ins Kollektiv, jedoch eher auf der Achterposition Zuhause. Nicht ganz der Mkhitaryan-Typ.

Arkadiusz Milik

milikstat

22 Jahre, nächster Polenstar. Hier gilt gleiches wie für Klaassen: der nächste Schritt muss kommen, einsetzbar als alleinige oder hängende Spitze. Wäre ein gutes Pendant zu Aubameyang, jedoch müsste das System umgestellt werden. Keine unmögliche Variante.

Georginio Wijnaldum

wijnaldumstat

25 Jahre, Lichtblick in der Katastrophensaison von Newcastle. Dynamisch, variabel in der Offensive, auf dem Markt. Konkurrenz von Premier League-Klubs, geringes Risiko.

Nacer Chadli

chadlistat

26 Jahre, Back-Up bei Tottenham. Überall in der Offensive einsetzbar, jedoch keine Verstärkung in der Spitze. Manchmal etwas behäbig, noch mit Luft nach oben.

Die Liste möglicher Kandidaten ist lang. Die Verantwortlichen müssen einen Weg finden, die Lücke zu füllen, ohne dabei den eigenen Toptalenten den Weg zu versperren. Grundsätzlich würde sich eine Doppellösung anbieten, dann sollten es aber keine zwei Stars sein, die einen unumstrittenen Stammplatz fordern. Eine Kombi Herrmann-Götze oder Schürrle-Sigurdsson wäre dafür denkbar, liest sich aber nicht so schön. Entscheidet man sich für nur einen neuen Spieler, wären Mertens, Konoplyanka oder Hamsik die besten Lösungen, wobei zumindest die letzten beiden schwer zu realisieren sind. Dazu bestünde die Option, den zurückgekehrten Kuba dauerhaft in die Mannschaft einzubinden. Weitere Möglichkeiten sind ein Perspektivspieler wie Torres und eine Sofortlösung wie Schürrle. Die Statistiken zeigen jedoch, dass es in puncto Kreativität nur wenige Spieler gibt, die mit Mkhitaryan mithalten können. Die Frage ist daher nicht, wer sein Nachfolger werden sollte, sondern, wie man ihn in einer anderen Rolle ersetzt. Seine Fähigkeiten sind schlichtweg so einzigartig, dass man nur äußerst schwer Spieler mit ähnlichen Anlagen finden kann, die in solch große Fußstapfen treten können.

Wir präferieren eine Doppellösung. Diese kann aus zwei externen Neuzugängen bestehen oder gerne mit Publikumsliebling Kuba im Verbund. Entscheidend ist, mit welcher taktischen Formation Thomas Tuchel plant und wie stark er Pulisic, Dembélé & Co. in ihrem ersten richtigen Profijahr in Dortmund einbinden will. Bevorzugt wird man wohl einen deutschen Nationalspieler holen, der Stallgeruch in der Bundesliga hat. In jedem Fall kann man sorglos an die Sache herangehen. Die Einkaufstasche ist 60 – 70 Millionen Euro tief.

Advertisements