Die Serie A ist zurück und verspricht auch in diesem Jahr das ein oder andere taktische Schmankerl. So auch die Partie zum Saisonauftakt zwischen Chievo Verona und Inter Mailand. Zugegeben: zunächst wollte ich das Spiel nur sehen, um Frank de Boers Arbeit bei Inter zu beobachten. Dass Chievo Verona letztlich die taktisch interessantere Mannschaft war und auch verdient als Sieger vom Platz ging, ist umso überraschender. Ihr Defensivkonzept zog Internazionale den Zahn und war hervorragend auf die Situation zugeschnitten.

 

Enger Dreiersturm

Um Rolando Marans Taktik zu verstehen, fangen wir zunächst mit der Offensivreihe an. Diese bildeten Roberto Inglese und Riccardo Meggiorini zusammen mit Valter Birsa, der als nomineller Zehner auflief. In der Regel schob der Slowene jedoch zwischen die beiden Stürmer und stellte eine flache Dreierreihe her. Ein Grund dafür war seine Mannorientierung an Inters Gary Medel, der als Sechser vor der Mailänder Dreierkette agierte. Zeitweise war Birsa selbst der vorderste Spieler, da Inglese und Meggiorini den Sechserraum versperrten. Blieb Birsa hinter den beiden, kümmerte er sich darum den Weg ins Zentrum zu verschließen, während sich die Stürmer im Halbraum positionierten. Chievo konnte demnach flexibel zwischen einer flachen, einer 2-1-, und einer 1-2-Staffelung tauschen.chievo1

Die vorderen Drei standen zudem sehr eng beieinander. Ihre primäre Aufgabe war es, die Passwege ins Zentrum zu schließen. Die Intensität ist dabei nicht durchgängig hoch, wie es beispielsweise bei Pressingteams wie Ralph Hasenhüttels Ingolstadt oder Jürgen Klopps Liverpool praktizierten. Sie versperren schlichtweg das Zentrum und wollen den Gegner in die Halbräume bzw. den Flügel leiten, wo man Überzahlen herstellen und Ballgewinne erzielen will.

Ist der Ball dann einmal in jenen Zonen, gibt es für die Angreifer ganz klare Richtlinien, wie sie gegen den Ball arbeiten sollen. Der ballnahe Stürmer soll sich diagonal nach hinten fallen lassen, um den gegnerischen Achter zu stellen. Dies ermöglicht es dem eigenen Achter, aggressiv zum Flügel hin zu schieben und zusammen mit dem Außenverteidiger auf Ballgewinn zu gehen. Bei Bedarf, also wenn der Ball sich länger in dieser Zone befindet und noch kein Ballgewinn verbucht worden ist, können Inglese oder Meggiorini selbst Druck auf den Ballführenden ausüben. Diese Szenen kamen allerdings nicht allzu häufig vor. Birsa sichert hierbei das Zentrum und hat dabei ein Auge auf Medel. Der Gegner soll also keinen Querpass ins Zentrum spielen dürfen. Der Slowene positioniert sich nur selten tiefer. Währenddessen verweilt der ballferne Stürmer im Halbraum und hält sich zum einen für Konter bereit und soll zum anderen Verlagerungen des Gegners verhindern.chievo2

 

Das Dreiermittelfeld

Das Mittelfeld ist im Gegensatz zur vordersten Linie breiter angelegt. Perparim Hetemaj halblinks, Ivan Radovanovic zentral und Lucas Castro halbrechts verfolgten ebenso wie ihre Vorderleute das Ziel, den Angriff des Gegners auf eine Seite zu lenken. Dabei positionierten sie sich zunächst im Zentrum, um anschließend aus der Formation zu schießen. Wurde der Ball auf den Flügel geleitet, war es meist der jeweilige Außenverteidiger, der auf den gegnerischen Flüegelspieler herausschob, während Hetemaj bzw. Castro ihre Gegenspieler diagonal aus dem Zentrum heraus anliefen. Durch dieses Anlaufen nahmen sie zumeist den Zehner Inters in den Deckungsschatten, wodurch dieser nicht angespielt werden konnte. Radovanovic übernahm in diesen Szenen stets absichernde Rollen, indem er seinen Gegenspieler (meist Banega oder Kondogbia) mannorientiert verfolgte. Der ballferne Achter schob neben Radovanovic und stellte die Doppelsechs her. Im Idealfall schob er noch ein Stück weiter auf Banega und Kondogbia.chievo3

Probleme hatte Chievo meist damit, wenn sich Internazionale dem Druck am Flügel entziehen und anschließend auf die andere Seite verlagern konnte. Dies ist einer der wenigen Nachteile des 4-3-1-2/4-3-2-1: Man kann zwar das Zentrum mit bis zu acht Spielern dicht besetzten, hat aber im Falle schneller Verlagerungen viel Raum zu covern. Da der Achter derjenige ist, der den Außenverteidiger am Flügel unterstützen soll, muss er entsprechend hinschieben. Dies hat zur Folge, dass der Gegenspieler zunächst freigelassen wird, um ihn anschließend dynamisch unter Druck zu setzen. Würde der Achter bereits am Gegenspieler kleben, würde er nicht angespielt werden und die Falle würde nicht zuschnappen. Dementsprechend müssen die drei Mittelfeldspieler ein hohes Laufpensum absolvieren und eine gewisse Schnelligkeit mitbringen, um jene Räume zu belaufen. Weiterhin ist es wichtig, dass sie die Situation richtig erkennen und nicht kopflos herausrücken.

 

Schwachstellen Chievos und Einordnung

Die Norditaliener hatten das Spiel eigentlich in allen Phasen unter Kontrolle. Inter kam in der Anfangsphase nur zu zwei ernsthaften Chancen durch Éder und Ranocchia, die aber nicht gewinnbringend waren. Zwei Geniestreiche Brisas brachten Chievo Verona letztlich auf die Siegerstraße und besiegelten den ersten Dreier der Saison. Es gibt allerdings die ein oder andere Schwachstelle in Rolando Marans Plan. Zum einen passte die Grundordnung und Strategie sehr gut zum trägen und überraschenderweise wenig flexiblen Aufbauspiel Inters. Mannschaften wie Juventus, Napoli, die Roma oder Sampdoria könnten die Schwächen mit einer entsprechend druckvollen Ballzirkulation aufdecken.chievo4

Hinzukommt, dass die Abwehreihe gelinde gesagt nicht mehr taufrisch ist. Das Durchschnittsalter betrug in dieser Partie 33,75 Jahre. Rechtsverteidiger Fabrizio Cacciatore war mit seinen fast 30 Jahren quasi der Jungspund in der Defensive. Nichtsdestotrotz zeigte gerade der 35-Jährige Massimo Gobbi auf der linken Seite eine hervorragende Leistung, indem er einige Szenen mit guter Technik und Übersicht löste. Bostjan Cesar und Dario Dainelli bewiesen ebenfalls ein gutes Auge und waren in der Endverteidigung sehr solide. Die fehlende Geschwindigkeit könnte allerdings bei allen früher oder später ein Thema werden. Wenn ich an Duelle zwischen Dybala und Dainelli oder Salah und Gobbi denke…

Ebenfalls verbesserungswürdig ist das Gegenpressing Chievos. Oftmals befanden sich nach Ballverlusten nicht genügend Spieler in Ballnähe, auch die umliegenden Staffelungen für ein sofortiges Nachsetzen waren nicht immer optimal. Obwohl sie kein ausgewiesenes Ballbesitzteam sind und sich vornehmlich auf lange Bälle beschränkten, könnten sie gerade mit Birsa und dem Dreiermittelfeld dahinter ein solides Gegenpressing betreiben. Eventuell wird Marans im Laufe der Saison noch mal daran arbeiten. Aber gerade das Beispiel Chievo Verona zeigt, dass die Serie A langsam wieder im Kommen ist. Hoffen wir, dass sie auch künftig taktisch interessante Spiele zu bietet.

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