33 Punkte nach 13 Spieltagen, ungeschlagen, Tabellenführer – RB Leipzig überrascht derzeit sogar sich selbst. Mit einer jungen, hungrigen Mannschaft und einem temporeichen, überfallartigen Spielstil marschiert man gleich im ersten Bundesliga-Jahr Richtung europäischen Wettbewerb.

Auffällig ist dabei nicht, dass diese Entwicklung überhaupt eintritt, sondern vielmehr wie schnell und mit welcher Besetzung dies geschieht. Der Großteil der Stamm-Elf spielte bereits in der 2. Bundesliga, manche davon sogar noch eine oder zwei Spielklassen tiefer, wohlgemerkt ohne dort absolut herauszuragen und jeden Gegner zu dominieren. Ungeachtet dessen scheinen Spieler wie Sabitzer, Demme oder Forsberg in der Lage zu sein, sich problemlos in der Bundesliga zurechtzufinden und sich sogar weiterzuentwickeln.

Über diese Eigenschaft würde sich auch RB-Kapitän Dominik Kaiser freuen – schließlich hat er seit 2012 drei Aufstiege miterlebt, war sowohl in der vierten, als auch in der zweiten Liga ein maßgeblicher Faktor und konnte sich stets in der höheren Spielklasse steigern und herausheben. Aktuell befindet sich der Fan-Liebling allerdings im Wartestand, kommt zuletzt nur seltener zum Zug. Dabei liegt es nicht an seiner mangelnden Bundesligatauglichkeit, die der 28-Jährige durchaus mitbringt. Dies zeigte er z.B. bereits am 1. Spieltag in Hoffenheim, als er den ersten Liga-Treffer der Leipziger erzielte und eine sehr gute Leistung bot. Vielmehr fällt ihm der momentane Siegeszug seiner Mannschaftskameraden auf die Füße, die auf ihrer jeweiligen Position etwas mehr zu überzeugen wissen und im Zusammenspiel ihrer individuellen Fähigkeiten wunderbar harmonieren.

Kaiser funktioniert dagegen als Allrounder, der die offensiven und die defensiven Positionen in der Zentrale bekleiden kann und ist zwar sehr ausgeglichen, aber kein Spezialist und zieht deshalb im Vergleich mit Forsberg, Sabitzer und Co. den Kürzeren. Um diese Feststellungen mit einem Fundament zu unterfüttern, hier einige Statistiken von Kaiser und denen seiner Mitspieler auf den offensiven und defensiven Zentrumspositionen.

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Quelle: squawka.com

Im Vergleich zu Forsberg und Sabitzer zeigt sich zwar, dass er in den Zweikampf-Statistiken mithalten kann und bei den Key Passes sogar deutlich vorne liegt, gleichwohl zeigt er Defizite bei den Vorwärtspässen und seinen erfolgreichen Dribblings. Gerade diese beiden Werte sind aber wertvoll für die RB-Offensive, die auf vielen kurzen und schnellen Pässen in die Spitze aufbaut, wo sich dribbel- und tempostarke Akteure wie Forsberg und Sabitzer behaupten können und sofort für Gefahr sorgen. Daher erhalten diese quirligen Spezialisten derzeit den Vorzug vor den soliden Grundfähigkeiten eines Kaisers.

Naheliegend erschiene daher eine Kaiser-Aufstellung als Absicherung und Stratege hinter den Offensivakteuren, insbesondere in Anbetracht seiner Zweikampfwerte, den Key Passes und der Passlänge. Seine Konkurrenz dort: Diego Demme und Naby Keita.

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Quelle: squawka.com


In Anbetracht der Vergleichswerte ist diese Option allerdings eine kleine. Kaisers Passstatistiken sind auffallend deutlich unterhalb denen von Keita und Demme, zudem gelingen ihm zu wenige Interceptions. Der Salzburger Neuzugang schneidet dazu bei den erfolgreichen Pässen und v.a. den erfolgreichen Dribblings wesentlich besser ab als sein Kapitän und kann somit als Achter eine weitere Gefahr für die gegnerische Defensiven darstellen (vgl. das Tor gegen Bremen), ohne dafür dem eigenen Spiel eine Instabilität zu geben – eine Qualität, die Kaiser nicht aufweist. Hingegen ist Diego Demme als Absicherung auf der Sechs gegenüber Kaiser in der Zweikampfquote überlegen und weniger fehleranfällig hinsichtlich seiner Dribblings- und Passaktionen. Gerade wenn Keita spielt, ist die Anwesenheit von Demme erforderlich, um nicht zu offensiv eingestellt zu sein. Ohne Keita würde dagegen in den meisten Partien die Offensive lahmen.

Aufgrund der personellen Misere könnte Kaiser auf der Zielgeraden der Hinrunde nochmals ein entscheidender Faktor für die roten Bullen werden. Durch die Verletzungen von Klostermann, Bernardo, Compper und Schmitz, muss Ralph Hasenhüttl in der Defensive improvisieren. Ilsanker rückt bis auf weiteres auf die Innenverteidigerposition zurück, während Kaiser wie bereits zeitweise gegen Schalke auf die rechte Defensivseite gehen würde. Kaisers stabile Passquote würde es RB erlauben, sauber über die rechte Seite zu kombinieren. Dank seiner hohen Reichweite im Passspiel könnte man ihn für Seitenwechsel oder gar gezielte Diagonalbälle auf Werner oder Poulsen nutzen, die immer wieder an der Abseitskante auf diese Bälle lauern (vgl. Werners erstes Tor gegen Freiburg).

Kaiser wäre in dieser Rolle jedoch kein klassischer Außenverteidiger, der die Linie entlangsprintet. Vielmehr würde er sich wie bereits angesprochen auf die Ballzirkulation konzentrieren und spielmachend agieren. Demzufolge würde Halstenberg auf Links wie gewohnt frühzeitig nach vorn schieben und Kaiser würde entsprechend auf einer Linie mit Keita und Demme agieren. Daraus ergibt sich eine nach rechts verschobene Mittelfeldreihe. Von hier aus könnte der RB-Kapitän auch diagonale Flachpässe ins Zentrum nutzen, die generell zum Offensivspiel der Leipziger passen würden. Forsberg und Sabitzer positionieren sich nämlich häufig auf den offensiven Halbpositionen, wodurch im Idealfall ein Gleichwinkliges Dreieck aus Kaiser, einem Sechser und Sabitzer entsteht. In einer weit einrückenden Rolle, wie es Lahm bei den Bayern unter Guardiola teilweise praktiziert hat, wird man Kaiser vermutlich nicht sehen – dafür ist Hasenhüttl zu pragmatisch veranlagt.

Unsere Beleuchtung von Dominik Kaiser dient selbstverständlich nicht nur dazu, seine persönliche Situation darzustellen. Sie zeigt und erklärt nämlich auch, wie der bisherige Erfolg der Sachsen zustande kam und weshalb sich das größtenteils unveränderte Team individuell wie kollektiv dermaßen steigern konnte. Es ist schlichtweg eine hervorragend zusammengestellte Mannschaft. Ralf und Ralph haben es geschafft, aus den vielen jeweiligen Spezialfähigkeiten eine homogene Masse zu bilden, die eine sehr flexible und resistente Struktur aufweist.

Kehrseite dieser schnellen Entwicklung: es bleiben wieder einmal einige Spieler auf der Strecke, darunter Kapitän Kaiser. Eine Tatsache, die bei den Leipziger Fans schon in der Vergangenheit teilweise mit Verstimmungen aufgenommen wurde (Bsp.: Frahn, Teigl, Heidinger, Sebastian, …). Solange man aber erfolgreich bleibt, wird man darüber hinwegsehen. Dann wird man sehen, wo man am Ende der Saison steht und ob man seine begehrten Spieler halten kann. Für Forsberg (immerhin Europas Assist-Leader!), Keita und Co. wird man in England gerne das Scheckbuch zücken – und die winkende Rendite ist schließlich häufig ein rechtfertigendes Argument über die eigene Transferpolitik in Leipzig. Bisher wurde keine erzielt. Noch.

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