Wer hätte das gedacht? Am kürzesten Tag des Jahres, dem letzten Spieltag vor der Winterpause, terminierten die Spielplaner eine Partie, von der man vielleicht in einigen Jahren eine derartige Konstellation erwartet hätte, die aber nun schon im ersten Versuch Realität wird: der alles überstrahlende Primus Bayern München gegen den aufmüpfigen Emporkömmling RB Leipzig. Alt gegen Neu, Establishment gegen Revolution, Stern des Südens gegen Brause des Ostens, Erster gegen Zweiter!

Man hat insgeheim ein prickelndes Gefühl der Vorfreude wie vor einigen Jahren, wenn Dortmund gegen Bayern spielte, als der BVB den Münchnern tatsächlich noch auf der Nase herumtanzte und ihnen mit wildem Klopp-Fußball noch richtig wehtun konnte. Auch die Sachsen spielen wilden Fußball, sind gierig, schnell, gut organisiert – und können den Münchnern wehtun. Dafür werden eine Reihe von Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

 

1. Geschwindigkeit 

Die jüngste Mannschaft der Liga trifft auf eine der ältesten. Jeder, der die Kreisliga kennt und liebt, weiß schon aufgrund dieser Tatsache, dass die Akteure der älteren Mannschaft einen Scheißtag haben werden, wenn sie auf die frisch-fromm-fröhlich-freien Jungspunde des Gegners treffen, die mangelnde Abgebrühtheit mit Laufen, Sprinten und Beißen kompensieren. Auch wenn Hummels, Martinez, Lahm & Co. sicher noch gut trainierte und fitte Fußballer sind, dieses Defizit wird man ihnen ums ein oder andere Mal im Spiel anmerken gegen die blitzschnellen RB-Profis Werner, Poulsen oder Burke.

 

2. Umschaltspiel 

Zu den individuellen Geschwindigkeitsnachteilen kommt nun noch die kollektive Stärke des Aufsteigers: Umschaltspiel. Und hier wird es eklig für Bayern. Wir wissen aus der Vergangenheit, dank Diego Simeone, dass die Münchner bei schnellen, einstudierten Kontern gerne ins Messer laufen und sich dabei zwangsläufig auch einmal schneiden. Leipzig hat den Konterfußball ähnlich im Blut wie Atletico und kann somit jederzeit brandgefährlich werden. Egal ob in Minute 1 oder in Minute 90, die Männer von Carlo Ancelotti müssen stets auf der Hut sein. Sabitzer, Keita und Demme erobern die Bälle, schicken Forsberg, Poulsen oder Werner, die noch einen ausspielen und abschließen – Dauer dieses Szenarios: keine 10 Sekunden. Zeit, die sich die Bayern in den letzten Spielen gerne mal zur Erholung genommen haben, sich in dieser Partie aber nicht leisten können.

 

3. Stabilität

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg der Leipziger ist das Defensivverhalten. Beginnend bei den Stürmern wird  das Aufbauspiel des Gegners gestört etwa 15 Meter in der Münchener Hälfte gestört, im Mittelfeld treibt Diego Demme a la N’Golo Kanté sein Unwesen, hinten räumen Willi Orban und Stefan Ilsanker ab. Insgesamt wirkt die Verteidigung sehr homogen und ist schwer zu überwinden. Selbst die personellen Probleme in der Abwehr wurden bisher gut kompensiert. Zwar werden insbesondere die Außenverteidiger gegen die bayrischen Flügelzangen eine ganz neue Herausforderung vor sich haben, jedoch brillierten die Münchner offensiv zuletzt nicht mit letzter Kaltschnäuzigkeit und Kreativität. Hier müssen sich die Bayern deutlich steigern, um den Leipziger Schaden zuzufügen.

 

Wie man sieht, spricht vieles dafür, dass Leipzig mindestens einen Punkt aus München mitnehmen kann. RB ist durch seine Spielanlage von Natur aus ein Gegner, den der FC Bayern nicht mag. Die Vermutungen, dass die jungen Leipziger gehemmt sein werden, ehrfürchtig und nervös, sind eine sehr unwahrscheinliche Prognose. Vielmehr wird eine bis in die Haarspitzen motivierte Mannschaft auf dem Platz stehen, die dank Ralph Hasenhüttl aber clever genug ist, nicht zu überdrehen. Ungeachtet allen Lobes für die Leipziger – Bayern ist noch immer der Favorit. Für sie sprechen die Erfahrung und die Fähigkeit, auch in weniger guten Spielen ein Tor mehr zu schießen als der Gegner, eben weil sie eine der drei besten Mannschaften der Welt sind.

Entscheidend wird erstens sein, wie gut die Münchner Abwehr es mit ihrem Stellungsspiel schafft, sich gegen das Umschaltspiel von RB zu organisieren. Zweitens, ob Manuel Neuer einen seiner guten Tage erwischt – denn Kaltschnäuzigkeit fehlt den Leipziger Stürmern teilweise noch, weshalb sie am Nationaltorhüter verzweifeln könnten. Schließlich, ob Naby Keita und Marcel Halstenberg fit werden. Insbesondere Keita wäre ein herber Verlust für das RB-Mittelfeld, Kapitän Dominik Kaiser kann den Mann aus Guinea nur bedingt ersetzen. Halstenberg war bislang eine absolute Konstante und könnte zwar adäquat durch Bernardo vertreten werden, dafür würde aber Benno Schmitz auf der rechten Abwehrseite auflaufen, der teils noch fehleranfällig ist.

Wir werden heute Abend ein enges, packendes und spannendes Spiel sehen. Und weil der Fußball gerne schöne Geschichten schreibt, hier eine abschließende Anekdote zum zuletzt erwähnten Benno Schmitz. 1994 in München geboren, seit 2001 das Fußballspielen in der Jugend des FC Bayern gelernt, 2013 noch unter Pep Guardiola trainiert. Der Mann kennt jeden Grashalm an der Säbener Straße und kehrt jetzt nach München zurück, aus Leipzig, der Heldenstadt, um Ribery & Co. gegenüber zu treten. Ende offen…

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