In unserer neuen Pressingfieber-Serie „Positionen im Wandel der Zeit“ beleuchten wir die Entwicklungen der einzelnen Positionen innerhalb der letzten Dekade. Wir analysieren, warum Spieler wie Jaap Stam einem wie Boateng weichen musste und wieso die Inzaghis der Vergangenheit angehören.

Kaum eine Position hat sich im letzten Jahrzehnt in ihrem Anforderungsprofil derart geändert wie die des Innenverteidigers. Und das, obwohl die Hauptaufgabe vermeintlich simpel und immer die gleiche ist: Gegentore verhindern. Mittlerweile jedoch reicht diese Eigenschaft häufig nur noch für Mittelmaß – vielmehr liegen viele Aufgabenbereiche in der aktiven Teilnahme am Ballbesitz, der Spieleröffnung und der Organisation des Angriffs. Die Wurzeln hierfür liegen – wieder einmal – beim FC Barcelona.

Bis zu dieser Zeit waren die prägenden Innenverteidiger der Welt regelmäßig furchteinflößende und beinharte Zweikämpfer mit vielen Haaren auf der Brust und extralangen Schraubstollen am Schuh. Die meisten Verteidigungen standen sehr tief und eng, bestachen durch eine perfekte Organisation und zwei kräftige Grätschen in der Innenverteidigung. Das soll gleichwohl nicht heißen, dass die damaligen Vorbilder Nesta, Maldini und Cannavaro in Italien oder Terry, Ferdinand und Vidic in England mit dem Ball nichts anfangen konnten. Häufige Ballkontakte und eröffnende Pässe gehörten schlichtweg nicht zu ihren Aufgaben. Einerseits, weil die damaligen Spielphilosophien noch wenig auf ihre Einbindung angewiesen waren, die Abwehrreihen kaum weit herausrückend spielten und noch wesentlich tiefer standen. Andererseits, weil die Innenverteidiger in der Defensive deutlich mehr gefordert wurden. Oftmals sahen sie sich in einem 4-4-2-System einer echten Doppelspitze gegenüber, die 90 Minuten lang mit Flanken gefüttert wurde, weshalb entsprechende Zwei- und Luftkämpfe mit ebenso physisch veranlagten Stürmern unausweichlich waren.

Mit dem allmählichen Wandel der Spielsysteme unter Guardiola oder auch durch Klopp’s Pressing in Dortmund veränderten sich die Anforderungen an die Innenverteidiger in zweierlei Richtungen. Einerseits wurden spielstarke Innenverteidiger immer gefragter, um eine erste organisierende und kreative Option bestmöglichst schon in der Abwehrreihe im Team zu haben – Pique und Hummels lassen grüßen. Andererseits schoben sie sich bestenfalls bei eigenem Ballbesitz – um den Gegner einzuschnüren – bis zur Mittellinie vor, was eine neue Art von Stellungsspiel erforderte. Denn es macht freilich einen Unterschied, ob man 15 oder 45 Meter vor dem eigenen Tor steht. Damit ging einher, dass Gegenangriffe möglichst schnell durch Gegenpressingaktionen gestoppt werden sollten, natürlich nicht auf Kosten eines guten Stellungsspiels. Lehrstunden geben hierfür u.a. Jerome B. aus M., Leonardo B. aus T. oder Thiago S. aus P.

Dies zeigt, dass sich aktuell zwei „Gruppen“ unter den Weltklasse-Innenverteidigern herausgebildet haben. Einerseits gibt es durchaus noch hervorragende Vertreter der „alten“ Schule, die ihre besonderen Stärken in den Zweikämpfen haben und es verstehen, die Räume eng zu halten. Das Musterbeispiel hierfür bildet Diego Godin, der in der häufig tiefstehenden, dort aber aktiv verschiebenden Atletico-Defensive seine Fähigkeiten bestens ausspielen kann. Andererseits die neue Gruppe der spieleröffnenden Innenverteidiger wie Hummels oder Boateng, die weniger durch direkte Zweikämpfe auffallen und ein risikoreicheres Spiel mit höheren Feldpositionen angewöhnt wurden. Wobei die beiden Nationalspieler direkte Zweikämpfe ebenso beherrschen. Sie bilden zusammen mit Bonucci und Thiago Silva seit ein paar Jahren den engen Kreis der kompletten Innenverteidiger und sind sollten daher für künftige Generationen der Maßstab sein.

Hinter ihnen haben sich spätestens seit der letzten Saison einige sehr gute Innenverteidiger hervorgetan, die zum einen spielerisch bestechen, aber auch in der Gesamtheit ein rundes Paket schnüren. Napolis Koulibaly oder Southamptons Van Dijk gehören derzeit ebenfalls zu den besten Innenverteidigern ihrer Liga und werden in den kommenden Jahren sicher verstärkt für Aufsehen sorgen.

Zukünftig wird die Herausforderung für die kommende Verteidiger-Generation darin liegen, die richtige Mischung aus diesen beiden Gruppen zu finden, also hohes Stellungsspiel und starkes Zweikampfverhalten gepaart mit einer guten Spielübersicht miteinander zu verknüpfen. Fußballerisch ist mittlerweile nahezu jeder Verteidiger sehr gut ausgebildet, Grätschen alleine bilden längst nicht mehr das Grundrepertoire. Hervorheben werden sich diejenigen, die mit der weiter wachsenden Dynamik des Spiels zurechtkommen, also vor allem athletische und schnelle Innenverteidiger. Diesen wird es gelingen, das Pressing- und Stellungsspiel risikoreicher durchzuführen, da sie durch ihre Geschwindigkeit und Fitness ihre wenigen Fehler am ehesten wiedergutmachen und Konter unterbinden können. Wohl der Vorreiter dieser Generation ist aktuell Raphael Varane, ähnliche Anlagen haben Umtiti, Christensen oder Laporte. Dass drei Franzosen in dieser Aufzählung sind, ist im Übrigen kein Zufall. Gerade die junge Generation Frankreichs besticht neben einer guten fußballerischen Ausbildung durch eine extreme Dynamik und Geschwindigkeit in allen Mannschaftsteilen. Das erklärt die große Talenteschwemme gerade in der Ligue 1 und die kommende Vormachtstellung der französischen Topspieler in Europa.

Doch auch in Deutschland stehen einige vielversprechende Talente in den Startlöchern. Niklas Süle und Jonathan Tah sind in ihren jungen Jahren bereits Nationalspieler und haben alle Anlagen, um die kommenden Jahre entscheidend mitzuprägen. Ebenfalls sollte man Thilo Kehrer und Niklas Stark im Blick haben. Den deutschen Talenten fehlt im Allgemeinen vielleicht etwas die Dynamik der Franzosen, dafür sind sie taktisch (noch) besser geschult und daher tendenziell etwas weniger fehleranfällig.

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