In unserer neuen Pressingfieber-Serie „Positionen im Wandel der Zeit“ beleuchten wir die Entwicklungen der einzelnen Positionen innerhalb der letzten Dekade. Wir analysieren, warum Spieler wie Jaap Stam einem wie Boateng weichen mussten und wieso die Inzaghis der Vergangenheit angehören.

 

Die Position des Außenverteidigers gilt seit jeher als eher simple Rolle. Anders als die zentralen Spieler muss dieser zum einen nur einen Winkel von etwa 260 Grad überblicken und kann sich eben durch seine Positionierung nahe der Seitenlinie Pausen während der Ballzirkulation nehmen, was viele Trainer dazu veranlasst, gerade junge Spieler auf diesen Positionen ins kalte Wasser zu werfen. Doch die Vergangenheit und Gegenwart zeigen, dass Außenverteidiger nicht zwangsläufig technisch limitierte Sprinter sein müssen, deren Schuhspitze von der Begrenzungslinie weiß eingefärbt ist.

Um die Jahrtausendwende stellten vor allem die südeuropäischen und südamerikanischen Länder wie Spanien, Frankreich oder Brasilien zahlreiche Außenverteidiger, die retrospektiv zweifellos zu den besten ihrer Art gehören: Bixente Lizarazu, Michel Salgado, Paolo Maldini oder Phillip Cocu galten zusammen mit Cafu und Roberto Carlos zu einer neuen Art von Außenverteidigern. Sie waren spielintelligent, besaßen ein hervorragendes Zweikampfverhalten und waren wie im Falle Roberto Carlos‘ für ihre offensiven Vorstöße und Flankenläufe bekannt. Wobei das Hauptaugenmerk im Grunde auf den starken Fähigkeiten im Zweikampf gepaart mit der neu hinzugekommenen Athletik lag. Entscheidend war zudem, dass Außenverteidiger wie Cocu eben besser abschätzen konnten, wann genau sie beispielsweise Aufrücken oder Absichern mussten.

Begünstigt wurde dieser Trend natürlich durch die häufigere Nutzung von reinen Viererketten, die seit der Jahrtausendwende von immer mehr Mannschaften genutzt wurden. Bis zu dieser Umstellung waren die Außenverteidiger eine Mischung aus defensiven Flügelspielern, die jedoch keinen entscheidenden Impuls nach vorne gaben und tiefstehenden Verteidigern, die zwar nach vorn wollten, aber dies nur sporadisch einbringen konnten.

Ab 2005 kam es dann abermals zu einer Weiterentwicklung der Außenverteidiger, die weniger durch Systemumstellungen als von Überalterung der bisherigen Steckenpferde begünstigt wurde. Da Spieler wie Maldini im hohen Alter den körperlichen Voraussetzungen der Außenverteidiger irgendwann nicht mehr standhielten, wechselten sie in die Innenverteidigung und machten damit Platz für die jungen Wilden. Spieler wie Dani Alves, Ashley Cole oder Patrice Evra machten sich fortan auf, die Außenbahnen dieser Welt zu erobern.

Diese Generation der Außenverteidiger hat den Fußball nachhaltig am meisten geprägt. Sie verband die technische Komponente der vorherigen Generation mit jenen physischen Attributen, die Cafu & Co. auf ihren letzten Jahren abgingen. Akteure wie Dani Alves waren nicht mehr so herausragend in den direkten defensiven Duellen, diesen Makel versuchten sie über ihre Athletik entgegenzuwirken. In der Offensive waren die Flankenläufe mit entsprechender Hereingabe nun standardisiert, was der damals vorherrschenden Spielidee des 4-4-2 mit zwei wuchtigen, abschlussorientierten Mittelstürmern geschuldet war.

Und obwohl diese Generation eine Vielzahl von großartigen Außenverteidigern hervorbrachte, gab es einen, der bis heute herausragt: Philipp Lahm. Gab es in der Geschichte des Weltfußballs jemals einen Außenverteidiger, der auf Weltklasseniveau permanent seine Leistung brachte? Lahm hatte im Vergleich zu einem Alves oder Micah Richards, der lange Zeit als großes Talent galt, immer den Vorteil offensiv und defensiv präsent zu sein und in den entscheidenden Momenten für seine Mannschaft genau das Richtige zu tun. Sein kontinuierliches Abrufen von Weltklasseleistung wurde von vielen Fans oft als Selbstverständlichkeit hingenommen. Das war und ist es jedoch nicht. Die DFB-Elf kann ein Lied davon singen.

Aktuell wirkt es nämlich so, als ob Deutschland keine fähigen Außenverteidiger mehr ausbilden könne. Als man sich nach der katastrophalen Europameisterschaft 2000 dazu entschied, sämtliche Spieler zunächst wie Mittelfeldspieler auszubilden und sie erst später in feste Positionen einzuteilen, brachte man zwar eine große Auswahl an technisch und taktisch sehr gut ausgebildeten Spielern hervor, ohne jedoch adäquate Außenverteidiger hervorzubringen. Frei nach dem Motto: „Wer Kicken kann, bitte ins Zentrum“. Dadurch drohte man auf dieser Position ein Stück weit den Anschluss zu verlieren.

Den Dribbelkünstlern Marcelo oder Filipe Luís und offensiv wie defensiv kompletten Spielern wie David Alaba oder Daniel Carvajal gehört mittlerweile die Bühne des Weltfußballs. Daran wird sich insbesondere bei den beiden letztgenannten auch in Zukunft nicht viel ändern. Der Trend geht aber merklich dorthin, dass Außenverteidiger mittlerweile nicht mehr nur stur die Linie entlanglaufen, sondern sich kombinativ in das Spiel einbringen sollen. Für einen kurzen Augenblick wirkte es vereinzelt sogar so, als ob die Außenverteidiger eine bis dato gänzlich neue Rolle zugesprochen bekommen. Pep Guardiola installierte bei den Bayern seinerzeit die falschen Außenverteidiger. Diese bewegten sich bei Ballbesitz vermehrt ins Zentrum und agierten als zusätzliche Mittelfeldspieler. Nachdem der Spanier mit diesem Modell bei Manchester City (zunächst?) scheiterte, stellte er seine Außenverteidiger wieder konservativer auf.

Gerade für deutsche Nachwuchsspieler wäre dieses Modell sicherlich eine interessante Option gewesen, ihre spielerischen Fähigkeiten auf eben jener Position einzubringen. Wobei sich sagen lässt, dass man hierzulande mittlerweile mit Joshua Kimmich, Benjamin Henrichs und Felix Passlack gut aufgestellt ist. Allesamt spielstark, allesamt spielintelligent und allesamt athletisch. Läuft.

Der Trend des kombinationsstarken Außenverteidigers, der auch gewisse Defensivqualitäten mitbringt wird sich gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Spieler wie Héctor Bellerín, Layvin Kurzawa oder eben Daniel Carvajal auf dem Vormarsch sind, zukünftig durchsetzen. Außenverteidiger sind nicht mehr bloße Außenstürmer, die eine Position weiter hinten aufgestellt werden, sondern sind mittlerweile vom Gesamtpaket her wesentlich besser ausgebildet.

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