In unserer neuen Pressingfieber-Serie „Positionen im Wandel der Zeit“ beleuchten wir die Entwicklungen der einzelnen Positionen innerhalb der letzten Dekade. Wir analysieren, warum Spieler wie Jaap Stam einem wie Boateng weichen musste und wieso die Inzaghis der Vergangenheit angehören.  

 

Sie gelten als die Schaltzentrale einer jeden Mannschaft. Von ihnen geht die Kreativität aus, Spielrhythmus und Kontrolle. Was mit Andrea Pirlo bei der Weltmeisterschaft 2006 begann, setzte sich bei der Europameisterschaft 2008 mit Xavi fort und bestätigte sich abermals 2014 mit Toni Kroos: Große Mannschaften brauchen „große“ Spielmacher um große Titel zu gewinnen.

Bis vor zehn Jahren galt der Trequartista als der Taktgeber im Mittelfeld. Der Zehner, der in der Offensive alle Freiheiten hatte und sich nur spärlich am eigentlichen Aufbauspiel beteiligte. Diese Zidanes und Riquelmes vergangener Tage, sie gibt es in diesem Sinne nicht mehr. Das Hirn des Spiels liegt nun im Sechserraum, von wo aus Spieler wie Pirlo, Alonso und Xavi spätestens seit der Europameisterschaft 2008 den Umschwung einleiteten.

Diese neue Art des Spielmachers bildete fortan das Epizentrum des Spielaufbaus, indem sich der Sechser aktiv freilaufen sollte, Bälle forderte und nicht mehr nur ein Laufwunder war, das den Raum vor der Abwehr sicherte und dem Zehner den Rücken freihielt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gab auch vor Pirlo & Co. technisch-taktisch durchaus herausragende tiefe Spielmacher auf dieser Position, wie zum Beispiel Pep Guardiola oder Roy Keane. Es gab sie nur eben nicht so häufig und konsequent eingebunden, wie ab 2008.

Um diese Entwicklung zu verstehen, ist es wichtig zu erkennen, dass sich das Spiel mit dem Aufstreben der spanischen Nationalmannschaft und Barcelonas Siegeszug durch Europa deutlich gewandelt hat. Das Spiel wurde systematischer, der strukturierte Ballbesitz und das Positionsspiel wurden wieder fancy. Der Spielmacher befand sich jetzt nicht mehr dort, wo der Angriff abgeschlossen wurde, sondern da, wo er entstand. Der Sechser erlebte eine bis dahin neue Form der Einbindung. Dieses für Pirlo oder Alonso fast schon typische Zurückfallen zwischen die Innenverteidiger, was gerne mit jener Rolle eines Quarterbacks verglichen wird, sollte für die kommenden Jahre der State of the art werden. Zurückfallen, Bälle fordern, weiträumige Pässe spielen, Aufrücken.

Diese Generation ist mittlerweile jedoch auch am Aussterben. Aufgrund der rasanten Weiterentwicklung des Fußballspiels hinsichtlich Tempo, Fitness und Taktik, ist es mittlerweile nicht mehr ausreichend, „nur noch“ über ein geschicktes Freilaufverhalten gepaart mit einer perfekten Passtechnik und -reichweite zu verfügen. Der Regista von heute braucht eine gewisse Agilität und Dribbelfähigkeiten, um sich aus Drucksituationen zu lösen und notfalls mit einer Finte einen Gegenspieler stehen zu lassen. Man kann sie daher als bewegliche Spielmacher bezeichnen.

Die aktuelle Generation bringt eine Vielzahl an herausragenden Spielern mit, die genau diese beiden Arten miteinander verbinden. Spieler wie Thiago Alcántara, Luka Modrić oder İlkay Gündoğan, die zum einen die physischen Voraussetzungen mitbringen, um beweglich im Raum vor der Abwehr zu agieren und zum anderen die technischen Fertigkeiten besitzen, um eben jene Explosivität gekonnt in Szene zu setzen. Spieler wie Marco Verratti oder Mateo Kovačić schlagen in eine ähnliche Kerbe. Auch sie gehören zu der Gruppe der modernen beweglichen Spielmacher aus dem Sechserraum, die sich weniger über ihre Physis und ihr Passspiel als über ihre Beweglichkeit definieren. Sergio Busquets stellt hier eine Ausnahme dar. Keiner ist so gut und so komplett wie der Spanier es ist. Seine Fähigkeit Räume zu schließen, Räume anzuspielen und Gegner mit Pässen und Körpertäuschungen aussteigen zu lassen, sind auf diesem Niveau sicher einmalig.

Weiterhin gibt es diese kompletten Mittelfeldspieler, die jedoch aufgrund ihrer Gesamtheit kein signifikantes Merkmal besitzen, um sie in eine Schublade zu stecken. Bastian Schweinsteiger konnte auf seinem Zenit beispielsweise in jede erdenkliche Rolle eines Sechsers schlüpfen. Er konnte spielmachend agieren, sich in höheren Zonen als Verbindungsgeber einbringen oder vor der Abwehr den Laden zusammenhalten. Juventus‘ Claudio Marchisio ist auch ein solcher Spielertyp, wenngleich auf einem etwas(!) niedrigerem Niveau. Toni Kroos und Atléticos Koke sind während der letzten beiden Jahre auf einem ähnlichen Level angekommen. Spieler wie Gladbachs Dahoud oder Lyons Tolisso haben ebenfalls das Potenzial solch eine Gesamtheit zu erreichen.

Doch es gibt nicht nur diese dribbelnden Zwerge, die den Wandel des Registas symbolisieren. Mittlerweile gibt es physisch starke Spieler wie Nemanja Matić, Steven N’Zonzi oder Paul Pogba, die technisch ebenfalls sehr starke Fähigkeiten besitzen. Diese Mischung aus technischer Klasse und Robustheit ist vielleicht ein Fingerzeig, wo der Trend des Sechsers demnächst hingehen könnte. In den nächsten 5-6 Jahren dürften sich vermehrt physisch robuste Sechser hervortun, die das entsprechende technische Niveau mitbringen, um sich im modernen Fußball durchzusetzen. Gerade Spieler wie Rúben Neves, Amadou Diawara oder Wylan Cyprien könnten diesen Weg ebnen.

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