Im neuesten Teil beschäftigen wir uns mit der Position des Außenstürmers und deren Entwicklung im letzten Jahrzehnt. Wenn man präzise sein will, ist zunächst festzuhalten, dass es den Terminus Außenstürmer – zumindest so wie wir ihn heute kennen – vor etwas mehr als 10 Jahren noch gar nicht so wirklich gab. Die damals offensiv außen spielenden Akteure gaben zumeist klassische linke bzw. rechte Mittelfeldspieler ab, wirkliche Flügelstürmer waren sie hingegen nicht. Heutzutage erleben wir dafür eine aufregende Variation von Außenstürmern bzw. Flügelspielern, die sehr vielseitig eingesetzt und immer häufiger für taktische Raffinessen genutzt werden. So trifft es wohl zu, dass diese Position einen der größten (taktischen) Entwicklungssprünge in den letzten zehn Jahren gemacht hat.

Bezeichnend für den Übergang von der alten Generation hin zur neuen ist ein Personalwechsel beim FC Bayern München im Jahr 2007. Mehmet Scholl beendete seine Karriere und übergab „das Zepter“, also die Außenbahn des FC Bayern an einen jungen Franzosen namens Franck Ribéry. Während Scholl die Jahre davor bei den Münchnern mit prägte, jedoch nie der absolut herausragende Star der Mannschaft war, begeisterte Ribéry von Beginn an die gesamte Bundesliga und wurde eins ihrer größten Aushängeschilder. Diese Tatsache resultiert nicht allein aus einem möglicherweise geringeren Talent von Scholl, sondern auch aus einem völlig verschiedenen Spielstil.

Die damaligen offensiven Außen waren recht konservativ im ohnehin schon konservativen Spielsystem (vorzugsweise 4-4-2) eingebunden und erfüllten dort eine klassische Rolle. Die Rechtsbeiner auf der rechten Seite, die Linksbeiner auf der linken, sollten bestenfalls den Ball auf ihrer Außenbahn bekommen, mit diesem die Linie entlang bis zur Grundlinie dribbeln und dann eine scharfe Flanke auf einen der Mittelstürmer (Musterbeispiel: Carsten „The Tank“ Jancker) schlagen. „Einfache“ Aufgabe, immer selbes Schema, wird heute noch dem Niveau entsprechend in der Kreisliga gepredigt und geliebt (außer natürlich von den Jungspunden, die diese Position spielen und immer die Linie hoch- und runterrennen sollen).

Mit Ribéry als einer der Vorreiter kam die nächste Generation ins Spiel. Es handelte sich hier nicht mehr um die technisch weniger affinen Pferdelungen, sondern um Feingeister – kaum vom Ball zu trennende Dribbler, mit Geschwindigkeit, Kreativität und der Fähigkeit, auf engem Raum zwei bis drei Leute auszuspielen als wäre es das einfachste der Welt. Spieler, die viel zu schade waren, um sie mit einer derart einfachen Aufgabe zu beleihen. So kamen die ersten Veränderungen: simpel, aber effektiv und enorm folgenreich dabei die Umstellung der Rechtsbeiner auf links und umgekehrt. Als neue „inverted winger“ war nicht mehr die Aufgabe, bis zur Grundlinie zu dribbeln und zu flanken, sondern nach innen zu ziehen, die Verteidiger zu narren und dann mit dem starken Fuß den Abschluss zu suchen. Ein Spielzug, der noch heute kaum im 1 vs. 1 zu verteidigen ist und unabhängig davon funktioniert, ob man 22 oder 32 ist (vgl. Arjen Robben). Genau diese Dribbler wie Ribéry, Robben, Di Maria oder auch Marco Reus prägten die letzten Jahre. Sie sorgten dafür, dass die Außenspieler etwas offensiver aufgestellt wurden, dass das 4-4-2 gesprengt und zum 4-3-3 bzw. 4-2-3-1 wurde.

In dieser neuen Rolle und Positionierung finden mittlerweile aber nicht nur Technikkünstler und Dribbler ihren Platz. Vereinzelt finden sich ebenso Spieler wie Müller bei Bayern oder Mertens bei Neapel, die vor allem raumschaffend für die Kollegen tätig sind und somit eher unterstützende Rollen einnehmen. Diese Rolle selbst ist also noch durchaus vergleichbar mit der Rolle, die damals Mehmet Scholl & Co. spielten – gleichwohl kommt sie auf völlig andere Weise zustande und resultiert aus grundverschiedenen Fähigkeiten.

Und auch weiterhin gibt es Tendenzen der Weiterentwicklung dieser Position. Gerade im 4-2-3-1 ist häufig zu beobachten, dass die Außenspieler etwas zentraler aufgestellt sind, um Verbindungen und Strukturen auf dem Platz zu schaffen. Gerade mit dem jeweils dahinter stehenden Sechser und dem daneben spielenden Zehner gelingt es so, Dreiecke zu bilden und gute Kombinationen zu entwickeln. Prädestiniert hierfür sind beispielsweise Mario Götze, Koke und Ferreira-Carrasco von Atlético oder auch aus der nun nächsten Generation Thomas Lemar aus Monaco. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, kommen nun für die Hipster noch die Außenspieler, die in einer Dreierkette auf dem Flügel spielen. Häufig nehmen nominelle Außenverteidiger mit großem Offensivdrang diese Rolle ein und haben so eine Art Doppelrolle. Defensiv rücken sie tief mit nach hinten, offensiv besetzen sie die Außen im Mittelfeld und geben dem Spiel eine enorme Breite, zu erleben u.a. bei Alex Sandro oder Victor Moses. In einer derartigen Konstellation – wie der des FC Chelsea in dieser Saison – kommt es dann dazu, dass ein Vierer-Mittelfeld wie noch vor 10 oder 15 Jahren aufgestellt ist (sogar mit relativ ähnlichen Aufgaben), vor diesem aber ein Dreiersturm mit zwei dynamisch-dribbelnden Flügelstürmern agiert. Praktisch heißt das, es sind mit Marcos Alonso, Moses, Hazard und Pedro gleich vier Flügelspieler aufgestellt. Eine vor zehn Jahren noch undenkbare Konstellation.

Schauen wir zum Abschluss noch voraus. Hierfür kann man wieder den FC Bayern heranziehen. Dort spielt mit Kingsley Coman ein junger Franzose, der in den nächsten Jahren Franck Ribéry (mit-)beerben soll. Unabhängig davon, ob er diese Fußstapfen voll ausfüllen kann, zeigt der 20-Jährige, wohin es geht. Noch mehr Geschwindigkeit, mehr Dynamik, bei möglichst gleichbleibendem technischem Potential. Zudem steht die Variabilität im Fokus: beide Außenbahnen gleich gut bespielen zu können und von beiden Seiten Torgefahr auszustrahlen, wird in Zukunft eines der Merkmale der Topspieler sein. Der beidfüßige Ousmane Dembélé ist dabei ein heißer Kandidat, auch die Deutschen Leroy Sané oder Julian Brandt haben durch ihre individuellen Qualitäten eine vielversprechende Zukunft, auch wenn alle Genannten unterschiedliche Typen darstellen. Im Allgemeinen offenbaren sich bei den Außenspielern mehrere parallele Entwicklungen, die teilweise stark am jeweiligen Spielsystem hängen und von diesem beeinflusst werden. Die richtigen Spieler für das eigene Spiel zu finden, wird die große Herausforderung der sportlichen Verantwortlichen.

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