Es gibt kaum ein Team, in dem die Trikotnummer nicht vergeben ist. Die sagenumwobene „10“, um die sich sowohl die Topstars der Profimannschaften als auch die Kreisligakicker um die Ecke streiten. In der Jugend hat regelmäßig das größte Talent, das technische und kreative Genie, eben jene Nummer verpasst bekommen, einfach um auszudrücken, dass das kein gewöhnlicher Spieler ist. Als Spielmacher, Taktgeber, Herz der Offensive betitelt, prägten die Zehner zahlreiche Dekaden. Warum dieses Tempus? Nun ja, auch wenn es bei einigen Reportern und Experten noch nicht angekommen ist, gehört die eben dargestellte Typisierung der Vergangenheit an. Wer unsere Serie schon länger verfolgt, insbesondere den Teil zum „Sechser“, der weiß auch schon, wieso.

Denn die Bezeichnungen – Spielmacher, Taktgeber – treffen Anno 2017 längst nicht mehr auf die Özils, Oscars oder Kagawas zu, sondern dafür auf die Herren Kroos, Gündogan & Co.

Die Position des Zehners bedurfte daher einer Bearbeitung im letzten Jahrzehnt, ohne dabei aber großartig das Anforderungsprofil zu ändern. Weiterhin wurden die technischen Genies und Feingeister für diese Position rekrutiert, weiterhin waren Kreativität und die Fähigkeit für besondere Momente das Suchkriterium. Im Allgemeinen wurde die Position jedoch, im Vergleich zu ihrer ursprünglichen Interpretation, weiter nach vorne geschoben, sodass sich die heutigen Spieler durchschnittlich in einer wesentlich höheren Feldposition befinden, als noch die Generation um Zidane und Ronaldinho. Zudem haben sich auch hier durch die bereits im Teil zu den Außenspielern dargestellte parallele Typenentwicklung der offensiven Positionen – je nach Spielsystem – mehrere Gruppen von zentralen offensiven Mittelfeldspielern herausgebildet.

Zunächst sind die offensiveren, durchbruchsorientierten Zehner zu erwähnen. Diese sind besonders hoch auf dem Feld positioniert, fast schon wie eine hängende Spitze hinter dem Mittelstürmer. Ihre Aufgabe ist es, der Offensive positionelle Strukturen zu verleihen, sich in den Räumen als Anspielstation anzubieten und freie Räume zu suchen. Im besten Fall dient dies dazu, dass der Zehner zwar erst relativ spät in den Angriff eingebunden wird, dieser aber durch seine positionelle Vorarbeit und seine Fähigkeit, den tödlichen Pass zu spielen, den Angriff schnell abschließen kann.  Kaka war mit seinen Leistungen beim AC Milan, als er sein Team unter anderem zu einem Champions-League-Titel führte, der Prototyp des modernen „Umschaltzehners“, der durchschlagend im Konterspiel war, gegnerische Linien mit seinen Dribblings durchbrach und neben Vorlagen auch selbst Tore erzielte. Aktuelle Beispiele für diese Interpretation sind neben Mesut Özil und Kevin De Bruyne vor allem der junge Dele Alli, dem auf dieser Position auch die Zukunft gehört.

Daneben gibt es auch defensiver denkende Zehner. Sie rücken zumeist im 4-2-3-1/4-2-1-3 weiter nach hinten ins Mittelfeld, um dort mit den Sechsern bzw. Achtern zu agieren. Dabei kommen diese im Vergleich zu ihren Hintermännern seltener an den Ball, sorgen aber dafür, dass für die Spielgestalter Räume entstehen. Dies erfordert wiederum ein sehr gutes Raumgefühl des Zehners, um die für das Offensivspiel dringend benötigten Verbindungen zu geben. Damit ist die Aufgabe dieser „Zehner-Gruppe“ nahezu identisch mit der offensiveren Variante, lediglich die defensivere Feldposition hat Auswirkungen für die aus der Aufgabe folgenden Aktionen. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Oscar, früher auch noch Toni Kroos beim FC Bayern.

Eine ähnlich positionierte, aber alternative Variante zu dieser letzteren Gruppe ist die der noch heutzutage „spielmachenden“ Zehner. Diese lassen sich ebenso zurückfallen, nehmen dann im 4-3-3 aber mehr am Kombinationsspiel teil. Nominell sind sie damit zwar eher Achter, aufgrund ihrer individuellen Fähigkeiten kommen sie aber von der 10 – außerdem drängen sie in den Schlussphasen des Angriffs mehr auf jene 10, weshalb die Einordnung als solcher nur sachgerecht ist. Sozusagen pendeln diese Spieler zwischen der Acht und der Zehn, um erstmal das Spiel zu gestalten, sich aber später auch in die eigentlichen Abschlusssituationen einzuschalten. Hierzu sind James Rodriguez, Marek Hamsik oder aus der nächsten Generation Corentin Tolisso zu zählen.

Generell muss man jedoch sagen, dass viele Mannschaften mittlerweile ohne einen wirklichen Zehner auskommen. Der klassische Zehner wird nur noch selten als solcher ausgebildet, sondern wird eher als Achter oder Außenspieler geschult, je nachdem ob der Spieler eher technisch-kreativ oder schnell und dribbelstark veranlagt ist. Das heißt aber keineswegs, dass der Zehner kein notwendiger und nützlicher Spielertyp ist. Es gibt nur Spielsysteme, die gut ohne ihn auskommen und darüber hinaus nicht viele Spieler, die die Fähigkeiten für diese Position mitbringen, weshalb nicht viele Trainer ihr Offensivspiel nach dieser Position ausrichten wollen. Weiterhin ist es im modernen Fußball nicht mehr möglich, dass ein Team einen Spieler im Team hat, der sich wenig am Aufbauspiel beteiligt und nur sporadisch nach hinten arbeitet. Die Tendenz geht ganz klar hin zur Kollektivität. Die unantastbar wirkenden Zidanes oder Riquelmes gehören der Vergangenheit an. Eine der neuesten Entwicklungen ist zudem, dass im 4-2-3-1 oder einem verkappten Zweisturmsystem der Stürmer zurückfällt und als „Schattenstürmer“ die raumschaffende Aufgabe des Zehners übernimmt (im Übrigen die optimale Aufgabe für Thomas Müller). Insofern wird es interessant sein zu beobachten, wie sich diese Position in Zukunft entwickeln, wie sie sich im zunehmend dem System untergeordnetem Offensivspiel behaupten wird.

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