Wenn du bei gefühlt 75% deiner Aktionen kritisiert wirst und dir in den übrigen 25% gesagt wird, dass es nichts Besonderes sei, weil es schließlich deine Aufgabe wäre, dann bist du vermutlich ein Mittelstürmer. Mal ehrlich: Gibt es eine Position im Fußball, in der man öfter angekackt wird? Vergibst du eine Torchance zu viel, kacken dich deine Mitspieler an. Kommst du in die Kabine, kackt dich dein Trainer an. Verlässt du das Stadion, kacken dich die Medien an („Wieder ohne Tor! Wann platzt der Knoten endlich?“). Die Maßstäbe, die an Stürmer gestellt werden, sind im Vergleich zu anderen Positionen unverhältnismäßig. Von einem Topstürmer werden heutzutage mindestens 30 Tore in einer Saison erwartet, ansonsten zählt er nicht zur Elite. Warum? Na ja, weil Stürmer nun einmal an Toren gemessen werden! Dabei wird häufig vergessen, dass theoretisch jeder Spieler auf dem Platz die Möglichkeit hat, ein Tor zu erzielen. Das Toreschießen ist nicht allein dem Stürmer überlassen. Würde man als Mannschaft beispielsweise nur darauf aus sein, dass genau ein Spieler für den Torabschluss zuständig ist, wäre das Team logischerweise leicht ausrechenbar.

Die Klasse eines Stürmers wird demnach immer auf eine einzelne Zahl heruntergebrochen: die Anzahl seiner Tore über einen gewissen Zeitraum. Wenn man sich einmal vor Augen führt, wie absurd diese ganze Bewertung von Stürmern ist, mag man kaum glauben, dass nach wie vor gefühlt jeder Knirps einmal Stürmer sein will. Ich meine, man leitet doch auch nicht die Qualität eines Sechsers oder eines Flügelstürmers ausschließlich von seiner Passquote oder seinen Vorlagen ab. Qualität ist die Zusammensetzung von Eigenschaften und Fähigkeiten. Selbstverständlich spielt dabei die Einbindung dieser Attribute, das Umfeld in dem sich ein Stürmer bewegt, eine entscheidende Rolle. Messi kann zum Beispiel herausragend dribbeln, passen, schießen und ist dabei noch mörderisch kreativ. Einen wie ihn kann man aber als Mannschaft nicht so einbinden wie beispielsweise einen Andy Carroll, den man möglichst vom Ball fern halten sollte.

Diese Einbindungen sorgen unter anderem auch dafür, dass diverse Spieler teilweise völlig falsch beurteilt wurden und auch immer noch werden. Filippo Inzaghi war beispielsweise so einer, der durch das für ihn perfekt abgestimmte Umfeld eine hohe Trefferquote erlangte und kein so kompletter Stürmer war, wie er mitunter dargestellt wird. Er profitierte schlichtweg von den Gegebenheiten um sich herum. Auch ist eine Qualität, keine Frage. Nur eben eine bedingte, da sich Weltklassespieler stets über ihre Anpassungsfähigkeit definieren. Sein Landsmann Francesco Totti wird vorrangig wegen seiner Treue zum Verein und dem ein oder anderen lässigen Spruch gefeiert, jedoch ist es nicht so selbstverständlich, ihn in einem Atemzug mit Inzaghi, van Nistelrooy oder Drogba zu nennen, einfach, weil er sich nicht nur über Tore definiert. Es gibt eben Stürmer, die vom System getragen werden und Stürmer, die das System tragen.

Heutzutage sorgen diese falschen Einschätzungen der Stürmer dafür, dass abstruse Summen für sie gezahlt werden, obwohl sie kaum bis gar nicht ins System passen. Christian Benteke ist so ein Fall, bei dem sich die Verantwortlichen des Liverpool FC nach wie vor hinterfragen sollten, inwieweit man anhand der Torquote eines Spielers Rückschlüsse auf seine Qualität ziehen kann. Da man für Andy Carroll wenige Jahre zuvor eine ähnlich stattliche Summe ausgab und auf die gleiche Weise krachend damit scheiterte, bleibt die Frage offen, ob man vorher die Spieler ordnungsgemäß gescoutet hat. Um es klarzustellen: Benteke Carroll oder auch Fernando Torres konnten nichts für ihre hohen Ablösesummen, sie waren schlichtweg das Produkt einer falschen fußballerischen und medialen Einschätzung. Womit wir wieder beim Ankacken wären.

Auch in Deutschland gibt es dieses Problem im Prinzip seit Kloses Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Kurioserweise wurde auch er medial oft falsch eingeschätzt. Anstatt für seine sehr guten spielerischen und taktischen Fähigkeiten gefeiert zu werden, jazzte man ihn zum „letzten echten Torjäger“ hoch. Das Erzielen von Toren ist aber nur das Endprodukt einer Aneinanderreihung von einzelnen Fähigkeiten. Kloses einzelne Fähigkeiten machten ihn zu dem legendären Stürmer, der er nun einmal war. Bei Mario Gomez ist es ein ähnliches Paradoxon, nur unter anderen Umständen. Gerade in der Nationalmannschaft wurde er oft verspottet, weil er eben an Toren gemessen wurde, anstatt an seinen Aktionen. Blieb bei ihm der Torerfolg einmal aus, wurde er angekackt. Traf er, wurde er wieder in den Himmel gehoben und nur dafür gefeiert, dass er gut im Abschluss sei, anstatt seine Aktionen zu bewerten, die ihn erst in seine Abschlusssituation brachten.

So wurde Gomez viele Jahre in Deutschland nie wirklich akzeptiert. Zeitweise forderte man stattseiner Spieler wie Sandro Wagner oder sogar Alex Meier für die Nationalmannschaft. Dass in Deutschland über zwei im Grunde limitierte Angreifer ernsthaft diskutiert wird, die in ihren Clubs stark vom System getragen werden, ist auch eine Folge der in Deutschland mit der Jahrtausendwende eingekehrten fußballerischen Ausbildung. Was ich bereits bei den Außenverteidigern angesprochen habe, trifft auch mit Abstrichen auf die Mittelstürmer zu: Deutschland brachte in den letzten zehn Jahren technisch starke Fußballer hervor, die wie Mittelfeldspieler ausgebildet worden sind, später jedoch wenig spezialisiert wurden. So hat man eine Vielzahl an herausragenden Mittelfeldspielern, aber keinen wirklichen Stürmer.

Da stellt sich natürlich die Frage, inwieweit der klassische Stürmer im modernen Fußball noch Verwendung findet. Als Pep Guardiola mit Lionel Messi vor sieben Jahren die falsche Neun wiederbelebte, glaubte man, dass ein neues Zeitalter der mitspielenden oder gar spielmachenden Mittelstürmer angebrochen sei. In weiten Teilen wurden die kombinationsstarken Angreifer allen voran in Persona Benzema und Suarez zum Standard für viele Topteams.

Weiterhin hat sich eine weitere Gruppe an Mittelstürmern herausgebildet, die vor allem in Deutschland zukunftsträchtig sein könnte: Flügelstürmer, die im Sturmzentrum spielen. In der DFB-Elf könnten Spieler wie Julian Brandt, Marco Reus oder auch Thomas Müller, der diese Position in der Vergangenheit bereits spielte, den Mittelstürmer neu besetzen. Ein Vorteil, der sich aus dieser Besetzung ergibt, ist die Dribbelstärke der gelernten Flügelspieler, die im Verbund mit ihrem Tempo für Defensivreihen schwer zu verteidigen ist. Das spielerische Fundament dürfte für sie genau das Richtige sein, um genau diese Stärken gewinnbringend einzubringen.

Auch auf internationaler Ebene dürften die reinen Strafraumstürmer weiter aussterben und gelernte Flügelspieler im Sturmzentrum auflaufen. Alexis Sanchez, Aubameyang und auch Liverpools Mané spielen mittlerweile mit großem Erfolg auf dieser Position. Den klassischen Mittelstürmer á la Inzaghi oder van Nistelrooy, die „Phantome“ wie Roy Makaay, gibt es in diesem Sinne nicht mehr. Wer unsere Serie bereits länger verfolgt, der kennt auch den Grund: das Spiel hat sich weiterentwickelt und somit stiegen auch die Anforderungen an die Stürmer. Wir werden künftig vermehrt diese spielstarken Mittelstürmer sehen, die auch am Flügel spielen können und auch durch ihre Pässe überzeugen.

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