Warum das England-Spiel mehr bedeutet als nur der Abschied von Lukas Podolski, was wir daraus für die Zukunft der Nationalmannschaft lernen können, wieso wir mehr in Richtung Paris blicken müssen und was uns im WM-Finale 2022 erwartet.

Es ist kurz vor Weihnachten und es herrschen angenehme 31 Grad in der Mittagssonne von Doha. In wenigen Stunden beginnt das Weltmeisterschaftsfinale zwischen Deutschland und Frankreich. Beide Mannschaften haben sich nach einem souveränen Turnier verdient für das Endspiel qualifiziert. Auf der einen Seite die goldene Generation der Franzosen mit Raphael Varane und Samuel Umtiti in der Innenverteidigung, den erfahrenen N’Golo Kante, Paul Pogba und Wylan Cyprien im Mittelfeld und dem furiosen Dreiersturm aus Kingsley Coman, Kylian Mbappe und Ousmane Dembele. Mbappe, der seit seinem Weltrekord-Transfer im Sommer zu Real Madrid den Ex-Weltfußballer Antoine Griezmann endgültig verdrängt hat, erzielte bereits 7 Treffer im laufenden Turnier, dabei regelmäßig mustergültig bedient von Bayerns Coman und Barcelonas Dembele, dem wohl heißesten Kandidaten für den diesjährigen Ballon d’Or. Auf der anderen Seite steht der Equipe Tricolore „La Mannschaft“ im Weg, der mit Jonathan Tah und Bayerns Abwehrchef Niklas Süle ebenso ein Weltklasse-Innenverteidigerduo zur Verfügung steht. Davor ordnen Altmeister Toni Kroos und sein designierter Nachfolger Julian Weigl das Mittelfeld, vor ihnen wirbeln Leroy Sane, Julian Draxler und Julian Brandt, im Sturmzentrum der ewige Thomas Müller. Dazu verfügen die Deutschen über hochkarätige Ersatzleute wie Mario Götze, Leon Goretzka oder Serge Gnabry. Es wird ein ausgeglichenes Finale erwartet, wobei man Frankreich aufgrund seiner Individualisten als leichten Favoriten handelt…

Zurück ins Heute. Das zurückliegende 1:0 gegen England, das bei normalem Spielverlauf eigentlich 1:4 hätte ausgehen müssen, wird aufgrund der sehr durchwachsenen Leistung der DFB-Elf „nur“ als der bilderbuchhafte Abschied von Lukas Podolski in Erinnerung bleiben. Dennoch kann man aus dem Spiel und seinen äußeren Umständen viele sportliche Erkenntnisse ziehen. Es war nicht nur der glänzende Schlusspunkt der langen Länderspielkarriere von de Kölsche Prinz Poldi, sondern auch das Ende der ersten großen Generation nach der Jahrtausendwende. Nach Per Mertesacker, Miroslav Klose, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger ging nun die letzte große Persönlichkeit dieser Reihe von Bord. Während beispielsweise Podolskis sportlicher Wert vielfach infrage gestellt wurde, hielt Joachim Löw beständig an diesem fest, denn dessen innerer Einfluss auf die Mannschaft war immens und nicht in Toren aufzuwiegen. Zugleich offenbart dieser Umstand ein Loch, das bleibt. Bereits die zweite große Generation um Neuer, Boateng, Hummels, Khedira und Özil interpretiert die Führungsrolle etwas flacher und zeigt damit einen Trend auf, der sich fortsetzt. Zwar wird dies auf die derzeitige Situation bezogen, durchaus berechtigt, wenig thematisiert, doch gerade die Partie gegen England offenbart in ihrem Kern ein potentielles Problem: mit durchschnittlich 24,5 Jahren stand eine junge Mannschaft auf dem Platz, die auf dem Papier durch viel Talent glänzte, auf dem Platz aber gegen keineswegs jahrelang eingespielte Engländer bis auf die etablierten Spieler unstrukturiert und blass agierte. Im Nachhinein wird diese Leistung angesichts des Fehlens zahlreicher Leistungsträger als Test und Experiment abgewiegelt, was bei genauerem Hinsehen jedoch zum Nachdenken veranlassen sollte.

Betrachtet man die Altersstruktur der Stützen der Nationalmannschaft, ergibt sich folgender Rahmen: Neuer 30, Khedira und Höwedes 29, Boateng, Hummels und Özil 28, Kroos, Reus und Müller 27. Realistisch betrachtet werden die meisten dieser Spieler noch zwei Turniere auf höchstem Niveau spielen, bevor sie abtreten. Noch tragen sie aber die gesamte Verantwortung auf ihren Schultern und ohne sie klappt, wie das Spiel gegen England zeigt, sehr wenig. Die momentan heranwachsende Generation, die einen Altersschnitt von etwa 20-23 Jahren aufweist, muss spätestens in drei Jahren gelernt haben, diese Verantwortung auf ihre eigene Weise zu schultern. Dass diese Herausforderung groß ist, zeigt das Beispiel Spanien. Dort zelebrierte eine goldene und eingespielte Generation zwischen 2008 und 2012 einen beispiellos dominanten Fußball, gewann Titel und hinterließ danach eine wankende Furia Roja, die bis heute nach einer Struktur sucht. Das lag nicht an einem Mangel an Talenten, wovon es wie in Deutschland zuhauf gibt, sondern daran, dass diese nicht genug eingebaut wurden. Auch hierzulande steht man künftig an einem Scheideweg. Soll man mit seinem eingespieltesten und besten Team rücksichtslos auf den Titel beim nächsten Turnier spielen, was für die goldene Generation, deren Stern bei der U21-EM 2009 aufging, die wohl letzte große Chance wäre? Oder agiert man vorausschauender und bricht die bestehenden funktionierenden Strukturen bereits jetzt leicht auf und integriert jüngere Spieler, notfalls zulasten des sportlichen Erfolgs?

Die vergangene Europameisterschaft und die aktuell zunehmende Nominierung junger Spieler lassen darauf schließen, dass sich die DFB-Zentrale auf den langfristigen Weg fokussieren möchte. Es ist die wohl typisch deutsche, vernünftige Entscheidung, die gerade aus früher gemachten Fehlern resultiert, die man nicht wiederholen will. Gleichzeitig führt dies aber dazu, dass öffentlicher Anspruch und Wirklichkeit auseinandergehen. Medial wird seit der WM 2014 nichts anderes als ein weiterer Titel erwartet, veranschaulicht durch einen Vergleich zur spanischen Dominanz, doch in Wirklichkeit erleben wir gerade eine unterschiedliche Entwicklung. Es ist daher ein sehr schmaler Grat zwischen kurz- und langfristigem Erfolg. Die Konkurrenz schläft nicht, hierfür müssen wir nur in Richtung Paris blicken.

Die EM 2016 war ein Vorgeschmack auf die Rivalität, die in den kommenden Jahren noch stärker aufleben wird. Unser Nachbarland erlebt derzeit eine unglaubliche Schwemme an potentiellen Weltklassespielern, welche die nächste Dekade maßgeblich prägen werden. Dabei mussten die Franzosen zunächst einen ähnlichen Rückschlag wie Deutschland hinnehmen, um die eigenen Strukturen zu überdenken und zu verbessern. Nach dem verlorenen WM-Finale 2006 wirkten die Les Bleu wie eine in die Jahre gekommene und motivationslose Mannschaft, der es an Selbstbewusstsein und Identität fehlte. Zwar gab es einige gute Individualisten a la Franck Ribery und Talente wie Samir Nasri, Karim Bezema oder Dimitri Payet, nichtsdestotrotz quälte sich das Team lange Zeit durch eine Selbstfindungsphase. Die Gegenmaßnahmen, insbesondere die Verbesserung der heimischen Fußballschulen und Jugendakademien, trugen erst in den letzten Jahren Früchte. Dafür ernten die Franzosen nun aber viele davon – egal ob aus Lyon, Monaco, Nizza oder Toulouse, überall rücken Jahr für Jahr junge Spieler in die Profimannschaften auf und erarbeiten sich schnell einen Stammplatz. Für jede Position gibt es derzeit mindestens zwei Ausnahmetalente, die perfekt für den Fußball von morgen veranlagt sind.

Hiergegen anzukommen, erfordert viele gute Entscheidungen und die deutschen Tugenden von Fleiß, Bescheidenheit und Mannschaftsgeist. In den eingangs erwähnten Talenten wie Süle, Tah, Weigl, Brandt, Sane, Goretzka und weiteren hat Deutschland ebenso Ausnahmetalente in den Startlöchern. Es gilt nur, diese frühzeitig und umfassend genug an das hohe Niveau und die Verantwortung, das Nationaltrikot zu tragen, heranzuführen und aus ihnen eine Einheit wie der jetzigen großen Generation zu formen. Diese Herausforderung hat man erkannt und geht man selbstbewusst an. Bis zur erfolgreichen Umsetzung ist es ein langer Weg, doch dass am Ende ein WM-Finale 2022 gegen Frankreich wartet, ist weniger spekulativ als wahrscheinlich.

Was uns schließlich zurück zum besagten Spiel führt. Nach einem frühen Tor von Dembele und einem intensiven Spiel kann Deutschland Mitte der zweiten Halbzeit durch Sane ausgleichen. Als sich die Verlängerung anbahnt, macht sich Mario Götze zur Einwechslung für den müden Thomas Müller bereit… klingt bisschen nach kitschigem Hollywood-Film? Dann denkt mal wieder ans Heute, das Spiel gegen England und an Lukas Podolski.

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