Wer in den letzten Wochen die Berichterstattung zum anstehenden Confed-Cup verfolgte, wurde in aller Regel und zumeist sehr deutlich auf die Unnötigkeit der Generalprobe zur ohnehin schon stark kritisierten Weltmeisterschaft 2018 in Russland hingewiesen. Das Turnier sei sportlich bedeutungslos, aufgrund der teilnehmenden Nationen wenig ernst zu nehmen und eine Unzumutbarkeit für die überlasteten Starspieler. Die Ablehnung gegenüber der Gastgeberschaft Russlands bleibt hierbei noch gänzlich unberücksichtigt. Kurzum musste der Eindruck hängenbleiben, dass man dieses Turnier nur mit Desinteresse verfolgen könne.

In unseren Augen verzerrt diese Berichterstattung das reale Bild enorm. Ob es zu einer solchen Einseitigkeit kam, weil Zeitungen den Anflug eines Sommerlochs überbrücken mussten oder ob die deutsche Medienlandschaft mittlerweile so verwöhnt ist, dass alles andere als die Chance des Gewinns eines großen Titels unterhalb der Würde ihrer Berichterstattung liegt, erschließt sich uns nicht vollends. Vielmehr teilen wir die Einschätzung von Joachim Löw, der das Turnier als „Chance“ und als notwendigen Teil auf dem schwierigen Weg zur allseits gewünschten Titelverteidigung betrachtet. Denn gerade ein Turnier wie dieses vermisste der Bundestrainer in den letzten Jahren, wenn er die zu geringen Möglichkeiten für experimentelle Trainingseinheiten bei den strikt terminierten Zusammenkünften der Nationalmannschaft bemängelte. Bis dato war für ausführliche Tests neuer Spieler, Trainingsvarianten oder Systeme in einzelnen Freundschafts- oder Qualifikationsspielen die Zeit zu kurz und in den Vorbereitungen auf WM oder EM der Raum schlichtweg nicht vorhanden. Nun aber stehen dem Bundestrainer durch den Confed-Cup hierfür mehrere Wochen zur freien Verfügung. Bereits die Kaderbenennung unterstrich, dass Löw genau dies im Hinterkopf hat. Zahlreiche Debütanten und Neu-Nationalspieler wurden berufen, ergänzt durch einige erfahrenere Spieler wie Draxler, Mustafi oder Can, die bislang in der zweiten Reihe standen und mehr Verantwortung übernehmen sollen. Selbst wenn dadurch ein Turniergewinn nicht gelingt, wird der Confed-Cup viele Erfahrungen bringen, die dem Trainerteam bei der Weiterentwicklung des Gesamtkonzepts und den einzelnen Spielern in ihrem persönlichen Werdegang helfen werden. Diesen durchaus wahrscheinlichen mittel- und langfristigen Mehrwert des Turniers gilt es in unseren Augen mehr zu würdigen.

Dabei kann man den Bogen noch ein wenig weiter spannen und den Fokus generell mehr auf andere als sportliche Aspekte des Turniers richten. Im Allgemeinen dient der Confed-Cup zur Vorbereitung auf die nachfolgende Weltmeisterschaft. Das Land darf oder soll sich erstmals präsentieren, Organisation und Abläufe werden getestet und – insbesondere im Falle Russlands – kritisch hinterfragt. Bereits in diesen Wochen werden zahlreiche Medienvertreter vor Ort sein und verlässlich aus erster Hand über die Um- bzw. Missstände berichten. Somit gibt dieser Testlauf nicht nur die Gelegenheit, die sportliche Organisation zu optimieren, sondern auch Themen abseits der Stadien anzusprechen und positiver zu beeinflussen als es bisher möglich war.

Zuletzt sind wir der Meinung, dass jede einzelne teilnehmende Mannschaft durch das Turnier etwas gewinnen kann. Die Chance der deutschen Mannschaft haben wir bereits dargestellt, aber auch die anderen Nationen haben vielerlei Gründe, auf das Turnier hinzufiebern und es nicht als Last zu betrachten. Chile und Mexiko reisen mit ihrer besten Mannschaft an – sie haben den Titelgewinn im Visier und würden einen solchen als großen Erfolg feiern, mit entsprechender Euphorie in ihrer Heimat. Auch Portugal schielt auf den zweiten Titel binnen eines Jahres, verfolgte dazu aber ähnliche Ziele wie die deutsche Mannschaft. Gespickt mit einigen jungen Talenten rund um den etablierten Kern der Mannschaft soll die Grundlage für einen kommenden Umbruch geschaffen werden. Neuseeland, Australien und Kamerun gelingt es nicht immer regelmäßig, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren, respektive die Gruppenphase zu überstehen. Gerade für diese Länder bietet sich durch die Teilnahme am Confed-Cup die Chance, auf internationaler Bühne mehr als eine Randnotiz darzustellen und für einen Überraschungscoup sorgen. Russland als Gastgeber erhofft sich, nach Jahren der Tristesse und Querelen wieder eine Begeisterung für ihre Mannschaft entfachen zu können, nachdem man sonst eher durch russische Hooligans im Fokus stand. Die Russen stehen wohl am meisten unter Druck, da ihnen ein wenig Rückenwind vor der WM gut tun würde.

Wenn also die „Mini-WM“ morgen beginnt, sollte man in Deutschland durchaus mal genauer hinsehen. In der vorstehenden Konstellation steckt das Potential für attraktive und offensive Spiele, gerade beim DFB darf man gespannt sein, wie sich die junge und unerfahrene Mannschaft präsentieren kann. Weiterhin könnten auch „Fußball-Revolutionäre“ auf ihre Kosten kommen, wenn der Videoschiedsrichter getestet wird.

Natürlich werden Niveau und Spannung nicht an eine richtige WM heranreichen, was aber auch gar nicht beabsichtigt wird. Jede große Show braucht eine Generalprobe – was nicht heißt, dass man in dieser nicht trotzdem die Sau rauslassen könnte.

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