Die deutsche Nationalmannschaft beendete im letzten Sommer mit dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft in Brasilien eine 24-jährige Durststrecke. Dennoch stellten sich die Uhren schnell wieder auf null: nach dem gewonnenen Finale von Rio galt es, auf die Rücktritte von Kapitän Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose zu reagieren. Anfängliche Probleme in der EM-Qualifikation sorgten für Kritik an der Nationalmannschaft, die zumindest medial gegen Ende des Jahres mit einem Sieg gegen Europameister Spanien etwas abnahm. Die aktuelle Phase ist für Joachim Löw und sein Team womöglich wegweisend für die kommenden Jahre.

Oh, wie war das schön

Wir alle haben immer noch die Bilder des WM-Triumphs vor Augen: André Schürrle tritt an, flankt von links in den Strafraum und Mario Götze erzielt nach einer mehr als ansehnlichen Brustannahme den 1:0 Siegtreffer. Manuel Neuer avancierte zum Fußballgott und Bastian Schweinsteiger wurde als erster Nicht-Soldat zum Kriegshelden. Neben diesen heroischen Szenen überzeugte das DFB-Team vor allem aus taktischer Sicht. Das deutsche 4-3-3-Mittelfeldpressing war das Fundament für den Titel. Sehr weit vorn attackierten die Deutschen ihre Gegner kollektiv und gut organisiert und versperrten im Spiel gegen den Ball das Zentrum. Vor allem gegen Frankreich leitete man die Angriffe des Gegners gut auf die Flügel und verhinderte eine längere Ballzirkulation. Im eigenen Ballbesitz agierten die Deutschen sehr flexibel mit der gewohnten Ruhe in Drucksituationen und sorgten mit Thomas Müller & Co. für Durchschlagskraft im Sturm. Dennoch galt es, sowohl spielerisch, als auch personell Änderungen vorzunehmen. Die angesprochenen Rücktritte verkraftete das Team gut, einzig die Position des designierten Weltfußballers Philipp Lahm konnte noch nicht adäquat ersetzt werden.

Startschwierigkeiten 

Im Herbst tat sich die DFB-Elf erwartungsgemäß nach dem großen Turnier schwer und hatte unterdessen noch mit einigen Verletzungssorgen zu kämpfen. Gegen Polen und Irland sah man deutlich, dass sich die Mannschaft noch finden musste: die Qualität war zweifellos vorhanden, doch an der Eingespieltheit und den Automatismen mangelte es vor allem in der Offensive. Enttäuschend war hingegen die Partie gegen Fußballzwerg Gibraltar, als man sich unsinnigerweise auf stupide Flanken besann und das Zentrum gänzlich ignorierte. Defensiv wurde indes viel experimentiert; neben der Erprobung einer Dreierkette, versuchte Joachim Löw Jung-Dortmunder Erik Durm als Linksverteidiger zu adaptieren – mit mäßigem Erfolg. Es zeigte sich auch, dass die Gruppe der Deutschen für die EM-Qualifikation keineswegs leicht zu bespielen ist. Polen, Schottland und Irland haben sich in den letzten Jahren enorm aufs Kontern spezialisiert und sind jederzeit in der Lage, massiv den eigenen Strafraum zu verteidigen. Diese Gegner sind gerade für eine Mannschaft, die noch in der Findungsphase ist, unangenehm zu bespielen, da eine gewisse Abstimmung vor allem in der Offensive gewährleistet sein muss, um den Gegner konstruktiv bespielen zu können.

Wie schon im „Aktuellen Sportstudio“ angekündigt, will Joachim Löw sein Team gegen tiefstehende Gegner taktisch und formativ flexibler ausrichten und auf den aktuellen Trend hin zur Dreierkette eingehen. Im Testspiel gegen Australien griff man zunächst auf dieses Mittel zurück. Shkodran Mustafi, Benedikt Höwedes und Holger Badstuber bildeten die letzte Linie. Die Außenbahnen wurden von Jonas Hector und Dribbelkünstler Karim Bellarabi ausgefüllt. Was wie eine Dreierkette aussah, war in Wirklichkeit eher eine pendelnde Viererkette: Jonas Hector agierte auf der linken Seite deutlich zurückgezogener und gesellte sich nach hinten zu Holger Badstuber, wenn der Ball auf dem gegenüberliegenden Flügel zirkulierte. Karim Bellarabi spielte deutlich aufgerückter und unterstützte die Offensivakteure. In der Zentrale wurde Sami Khedira trotz seiner stürmischen Spielweise unpassend als Aufbauspieler eingebunden – eine Rolle, die womöglich besser zu Ilkay Gündogan gepasst hätte. Die Offensive wurde mit Mesut Özil, Marco Reus und Mario Götze enorm flexibel ausgelegt, vor allem Özil unterstützte das Aufbauspiel häufig. Defensiv problematisch wurde es immer dann, wenn Australien konterte und die Mannschaftsteile wenig kompakt standen. Die drei Innenverteidiger taten sich außerdem im Verschieben zum Flügel hin schwer, als die Abstände zwischen diesen zu groß waren. Das Experiment Dreierkette wurde daher nach der Halbzeit ad acta gelegt.

Ausblick

In Zukunft könnten wir dennoch die Dreierkette vermehrt sehen. Der Vorteil beim Spiel mit Dreierkette ist einerseits die Verdichtung der Mitte durch einen zusätzlichen Verteidiger im Zentrum, andererseits hat man im Spielaufbau bereits von Grund auf eine Dreierkette und ist nicht mehr auf ein „Abkippen“ des zentralen Mittelfeldspielers angewiesen. Diese Prozedur wurde in den letzten Jahren zu einer Art Dogma im Weltfußball. Die allermeisten Mannschaften verteidigen mit zwei Angreifern, die den Spielaufbau durch die beiden Innenverteidiger stören sollen. Um den Aufbau risikolos zu gestalten, soll eben ein solcher „Sechser“ die Innenverteidiger unterstützen, indem er sich nach hinten bewegt und eine 3:2-Überzahl herstellt. Der Nachteil dabei ist allerdings, dass dadurch eine gewisse Rückwärtsdynamik entsteht, weil der Sechser nach hinten eilt und sich nach dem Anspiel erst in Richtung des gegnerischen Tores drehen muss. Mit einer Dreierkette umgeht man dieses Problem: da die drei Innenverteidiger (im Normalfall) bereits mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor stehen, können sie schneller den Pass nach vorn forcieren. Weiterhin hat man eine solide Absicherung gegen Konter. Die drei Verteidiger müssen im Spiel gegen den Ball über eine gute Antizipation verfügen, um etwaige Pässe abfangen zu können oder ihre Mitspieler abzusichern. Mats Hummels und Jerome Boateng dürften mit ihrer Athletik, Antizipation und ihrem herausragenden Passspiel hierfür gesetzt sein. Die Rolle des linken Halbverteidigers dürfte sich zwischen Weltmeister Benedikt Höwedes und Rückkehrer Holger Badstuber entscheiden. Letzteren hat Joachim Löw für die nächsten Spiele als Kandidaten für diese Position in Betracht gezogen. Im Mittelfeld darf sich derweil Ilkay Gündogan berechtigte Hoffnungen auf einen Stammplatz machen. Dort könnte er neben Toni Kroos auflaufen und beide würden mit ihren strategischen Qualitäten die Fäden in der Zentrale ziehen. Ebenso wäre eine Kombination mit Kapitän Bastian Schweinsteiger möglich, der etwas tiefer agiert und Gündogan so für Verbindungen in der Offensive sorgen könnte.

„Wir müssen Veränderungen vornehmen – nur Veränderungen bringen Fortschritt“ – Joachim Löw

Am interessantesten wäre sicherlich die Rolle von Marco Reus als linker Flügelläufer. Dass sich Joachim Löw gern von Bayerns Trainer Pep Guardiola inspirieren lässt, ist kein Geheimnis. Arjen Robben begleitete bei den Bayern in der Hinrunde häufig die Position als rechter Flügelläufer, indem er sich generell weiter hinten positionierte und von einer breiten Position aus diagonal in die Spitze zog. Reus könnte eine ähnliche Rolle auf links einnehmen: indem er sich tiefer positioniert, könnte er durch den vorhandenen Platz diagonale Tempodribblings Richtung Tor starten. Für Seitenverlagerungen könnte er sich ebenfalls breit positionieren. Dabei müsste er allerdings – ähnlich wie Arjen Robben durch Philipp Lahm – von einem Sechser passend unterstützt werden. Ilkay Gündogan oder Christoph Kramer könnten diese Rolle einnehmen, indem sie ihn bei den Dribblings absichern, für Kombinationen bereitstehen und Verbindungen zum Zentrum herstellen.

Hypothetische Dreierkette mit Marco Reus als Linksaußen

Das Sturmzentrum ist mit Thomas Müller und Mario Götze bis auf weiteres besetzt, wenngleich Joachim Löw eine baldige Rückkehr von Mario Gomez neulich in Aussicht stellte. Der 29-Jährige ist in Deutschland keineswegs unumstritten. Dennoch hält der Bundestrainer nicht zuletzt wegen seiner Durchschlagskraft und Abschlussstärke an ihm fest. Meiner Ansicht nach ist dies genau der richtige Schritt, da sich Mario Gomez aufgrund seiner genannten Fähigkeiten von Max Kruse abhebt. Kruse ist zweifelsohne ein hervorragender Kicker, der vor allem im spielerischen Bereich seine Stärken hat. Die restlichen Offensivakteure der Nationalelf sind aber ebenfalls sehr kombinationsstark und so bildet Gomez in dieser Hinsicht gewissermaßen einen Gegenpol, den man potentiell gut nutzen könnte. Schwieriger verhält es sich dagegen mit der Nominierung von Lukas Podolski. Der 121-fache Nationalspieler steckt seit einigen Monaten in einem Formtief und zählt dennoch zum Kader der DFB-Elf. In meinen Augen sollte ein Youngster wie Julian Brandt oder Kevin Volland in Zukunft seinen Platz einnehmen Man wird sehen, wie sich diese Personalie in den nächsten Wochen entwickelt.

Auch wenn sich die DFB-Elf nicht in einem totalen Umbruch befindet, so geht es in den nächsten Wochen und Monaten vor allem darum, systematische Alternativen zu testen, weiterhin junge Talente heranzuführen und somit einen nahtlosen Generationswechsel zu bewerkstelligen. Wie wichtig diese Übergangsphase ist, beweist das Mahnmal Spanien, wo man es verpasste, die nächste Generation früh heranzuführen und das Spielsystem weiterzuentwickeln. Glücklicherweise wurde dieser Prozess in den letzten Jahren in Deutschland sehr gut gepflegt und in Zukunft werden mit Garantie weiterhin junge Talente wie Emre Can, Max Meyer, Johannes Geis, Julian Brandt oder Maximilian Arnold (unfassbar, wie viele man noch aufzählen könnte!) behutsam in das Team eingebunden. Für die Müllers, Boatengs und Hummels geht es jetzt noch mehr darum, Verantwortung zu übernehmen. Auf diesem Wege wird es der deutschen Mannschaft gelingen, aus dem Höhepunkt WM-Titel nachhaltigen Erfolg zu kreieren. Das Grundgerüst der Mannschaft wird noch einige Jahre erhalten bleiben und aus dem riesigen Nachwuchs-Pool können neue, wichtige Eckpfeiler geformt werden. Mit dem Anspruch eines Weltmeisters kann das nächste Ziel nur der EM-Titel sein. Joachim Löw ist der richtige Mann für diese Aufgabe. Die Mannschaft wird bereit sein. Wir haben auch lange genug gewartet.

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